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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

3 February 1924

3. Anthroposophische Mitgliederversammlungen

[ 1 ] Es ist in nicht wenigen Fällen vorgekommen, daß Persönlichkeiten die Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft nur aus dem Grunde erworben haben, weil sie dadurch dieSchriften kaufen konnten, die außerhalb der Gesellschaft bisher unverkäuflich waren. Um das Leben in den Gruppen der Gesellschaft haben sich diese Mitglieder dann wenig gekümmert. Sie gingen ja wohl zunächst zu Mitgliederzusammenkünften, blieben aber nach kurzer Zeit weg und sagten: was da getrieben wird, fördert mich nicht. Ich komme besser zur Anthroposophie, wenn ich mich für mich allein mit ihr beschäftige.

[ 2 ] Es ist gewiß nicht zu leugnen, daß die Vorwürfe, die solche Persönlichkeiten den Mitgliederversammlungen machten, nicht immer begründet waren. Es lag nicht immer an diesen Versammlungen, sondern oft an den unmöglich zu befriedigenden Ansprüchen derer, die kein Verhältnis zu ihnen finden konnten.

[ 3 ] Es ist eben leicht, zu sagen: dies oder jenes befriedigt mich nicht. Schwieriger ist es, dieses Nicht-Befriedigende in Ruhe zu bemerken und dann die nötigen Anstrengungen machen, um von sich aus zur Besserung beizutragen.

[ 4 ] Aber andererseits ist kein Grund dazu vorhanden, die Tatsache zu verbergen, daß in den Mitgliederzusammenkünften manches anders sein sollte, als es ist.

[ 5 ] Gerade bei solchen Zusammenkünften könnte sich eine bedeutsame Wahrheit bewähren. Wenn Menschen zusammen das Geistige in innerer Ehrlichkeit suchen, dann finden sie auch die Wege zueinander, von Seele zu Seele.

[ 6 ] Diese Wege zu finden, ist gegenwärtig einer unbegrenzt großen Anzahl von Menschen ein tiefes Herzensbedürfnis. Sie sagen: wenn die Anthroposophie die rechte Lebensanschauung ist, dann muß bei denen, die sich Anthroposophen nennen, dieses Herzensbedürfnis vorhanden sein. Dann aber müssen sie sehen, wie viele, die in den Mitgliedergruppen Anthroposophie als ihre theoretische Überzeugung vertreten, dieses Herzensbedürfnis nicht zeigen.

[ 7 ] Anthroposophische Mitgliederversammlungen müssen es sich natürlich zur Aufgabe machen, den Inhalt der anthroposophischen Weltanschauung zu pflegen. Man liest und hört an dasjenige, was durch Anthroposophie an Erkenntnissen gewonnen ist. Wer das nicht einsieht, hat gewiß unrecht. Denn um bloß über allerlei Meinungen zu debattieren, die man auch ohne Anthroposophie hat, dazu braucht man eben keine Anthroposophische Gesellschaft. Aber wenn es beim bloßen Vorlesen der anthroposophischen Schriften bleibt, oder auch, wenn Anthroposophie als bloße Lehre vorgetragen wird, dann ist es richtig, daß man dasselbe, was die Zusammenkünfte bringen, auch in aller Einsamkeit durch die Lektüre erreichen kann.

[ 8 ] Jeder, der zu anthroposophischen Zusammenkünften geht, sollte das Gefühl haben, er finde da mehr, als wenn er bloß in Einsamkeit Anthroposophie treibt. Er sollte dahin gehen können, weil er da Menschen findet, mit denen zusammen er gerne Anthroposophie treiben will. In den Schriften über Anthroposophie findet man eine Weltanschauung. In den anthroposophischen Zusammenkünften sollte der Mensch den Menschen finden.

[ 9 ] Auch wer noch so eifrig Anthroposophisches liest, der sollte ein freudiges, gehobenes Gefühl haben können, in eine Zusammenkunft von Anthroposophen zu gehen, weil er sich auf die Menschen freut, die er da findet. Er sollte sich auch dann freuen können, wenn er voraussetzen muß, daß er nichts anderes hört, als was er längst schon in sich aufgenommen hat.

[ 10 ] Findet man in einer anthroposophischen Gruppe ein neu eingetretenes Mitglied, so sollte man es als altes Mitglied nicht bei der Befriedigung bewenden lassen, daß die Anthroposophie wieder einen neuen «Anhänger» gewonnen habe. Man sollte nicht bloß den Gedanken haben: jetzt ist wieder einer da, in den man Anthroposophie hineingießen kann; sondern man sollte eine Empfindung für das Menschliche haben, das mit dem neuen Mitgliede in die anthroposophische Gruppe hereinkommt.

[ 11 ] In der Anthroposophie kommt es auf die Wahrheiten an, die durch sie offenbar werden können; in der Anthroposophischen Gesellschaft kommt es auf das Leben an, das in ihr gepflegt wird.

[ 12 ] Es wäre von größtem Übel, wenn in berechtigter Art die Meinung aufkommen könnte: Anthroposophie mag noch so wertvoll sein, wenn ich aber Menschen näherkommen will, dann gehe ich lieber anderswo hin, als wo Anthroposophen in Selbstzufriedenheit fanatisch mir nur ihre theoretischen Gedanken an den Kopf werfen wollen und sagen: wenn du nicht denkst wie ich, so bist du höchstens ein halber Mensch.

[ 13 ] Viel aber kann zum berechtigten Aufkommen einer solchen Meinung beitragen: auf der einen Seite das kalte, nüchterne Belehrenwollen, in das man leicht verfällt, wenn man die Wahrheit der Anthroposophie eingesehen hat. Auf der andern Seite aber steht das Esoterik-Spielen, das manchen neu Eintretenden so stark abstößt, wenn er an die anthroposophischen Zusammenkünfte herantritt. Ein solcher findet Menschen, die geheimnisvoll damit tun, daß sie vieles wissen, was man denen, die «dazu noch nicht reif sind, nicht sagen kann». Aber über der ganzen Rederei schwebt etwas Spielerisches. Esoterisches verträgt eben nur Lebensernst, nicht die eitle Befriedigung, die man an dem Beschwätzen hoher Wahrheiten haben kann. Deshalb muß noch lange nicht die Sentimentalität, die sich vor der Freude und der Begeisterung fürchtet, das Lebenselement im Zusammenleben der Anthroposophen sein. Aber das spielerische Sich-Zurückziehen vor dem «profanen Leben», um «wahre Esoterik» zu treiben, das verträgt die Anthroposophische Gesellschaft nicht. Das Leben enthält an allen Orten viel mehr Esoterisches, als sich oft diejenigen träumen lassen, die da sagen: da oder dort kann man nicht Esoterik treiben; man muß das in diesem oder jenem abgesonderten Zirkel tun. Gewiß sind solche Zirkel oft notwendig. Aber sie können spielerisches Wesen nicht vertragen. Sie müssen Stätten sein, von denen aus das Leben wirklich befruchtet werden kann. «Esoterische» Zirkel, die nur entstehen, um durch den mangelnden Ernst bald wieder zu verschwinden, können nur zerstörende Kräfte in die Anthroposophische Gesellschaft tragen. Sie gehen nur allzu oft aus Cliquenbedürfnis hervor, und dieses bewirkt nicht, daß viel, sondern daß wenig anthroposophisches Leben in der Gesellschaft ist. Wenn es gelingt, dem innerlich Unwahren, das in vielem Reden über «Esoterik» bisher vorhanden war, entgegenzuwirken, so wird die wahre Esoterik in der Anthroposophischen Gesellschaft eine rechte Stätte finden können.

Fortsetzung in nächster Nummer.