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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

11 May 1924

Totenfeiern

[ 1 ] I. Von dem Hinscheiden treuer Mitarbeiter der anthroposophischen Bewegung musste ich am 3. Mai am Goetheanum sprechen. Frau Ferreri, die langjährige Leiterin des Zweiges in Mailand, ist vor Kurzem gestorben. Ihre Seele war ganz hingegeben den Geist-Erkenntnissen, die durch die Anthroposophie an den Menschen herantreten. Mit einer vollkommenen, empfindenden Sicherheit lebte ihr allem Edlen zugewandtes Innere in den Wahrheiten dieser Erkenntnis. Oft durften wir Frau Ferreri als eine liebe Besucherin an den Orten schen, an denen anthroposophische Veranstaltungen waren. Das Goetheanum konnte bei allen wichtigeren Gelegenheiten Frau Ferreri als Teilnehmerin an solchen Veranstaltungen begrüßen. — Für alles, was innerhalb der Bewegung opfervoller Hingabe bedurfte, war sie mit vollem Herzen dabei. Vieles hat nur geschehen können, weil sie diesen schönen Opfersinn entfaltete. Seit Langem war sie leidend; doch die Bürde der Krankheit ihres physischen Leibes hemmte nicht den Aufschwung ihres Geistes. Das Leiden, das sie aus dem physischen Dasein hinwegführte, veranlasste sie an die Leiterin des Klinisch-Therapeutischen Institutes, Frau Dr. Ita Wegman, wenige Tage vor ihrem Hinscheiden die Worte gelangen zu lassen: Sie müsse in dieses Institut kommen, denn nur da, in dem Umkreis des Goetheanums, könne sie die Kraft zur Erholung wiederfinden. Sie konnte die Reise nicht mehr machen. - In der Goethezeit nannte man Menschen, die in ihrem Leben das Geistige in unmittelbarer Gemütsoffenbarung auf edle Art darstellten, «schöne Seelen». Frau Ferreri darf in diesem Sinne als eine «schöne Seele» bezeichnet werden. Für die anthroposophische Lebensansicht hat sie in ihrem stillen, treuen Wirken unbegrenzt viel getan. Die Arbeit in Mailand war ganz von ihrem Wirken beseelt. Der Zweig in Honolulu war ihr Werk, und er fand an ihr die liebevollste Pflegerin. Frau Ferreri wird in der anthroposophischen Bewegung fortleben als Seele, die sich in vorbildlicher Art mit ihr verbunden hat.

[ 2 ] II. Am 1. Mai hat uns der Tod die treue Mitarbeiterin am Goetheanum und innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft Edith Maryon aus der physischen Welt hinweggenommen. Ein seit Jahren in restlosem Opfersinn mit uns arbeitender Mensch ist uns in der Dahingegangenen für das physische Dasein entrissen.

[ 3 ] Vor mehr als zehn Jahren kam Edith Maryon zu uns. Sie kam als eine Persönlichkeit, die schon in esoterischem Streben mit voller Seele darin stand. Ihr inneres Leben war ganz erfüllt von diesem Streben. In der anthroposophischen Bewegung suchte sie die weitere Entfaltung dieses Strebens. Mit entschiedener innerer Sicherheit verband sie sich mit dieser Bewegung. Sie versicherte später öfters, dass sie ihren Beitritt wie einen selbstverständlichen Schritt auf ihrem Lebenswege empfand.

[ 4 ] Als wir das Goetheanum zu bauen begannen, war sie eine der ersten Persönlichkeiten, die ihre Kraft diesem Werke in liebevollster Hingabe schenkten. - Sie war Bildhauerin. Eine in ihrer Art vollendete Künstlerin, die manches geleistet hatte, was Erfolg gehabt hat. Geistige Inhalte in gemessen-schönen Formen zum Ausdruck zu bringen, war ihr besonderes Feld. Das Technische ihrer Kunst beherrschte sie in vollendeter Weise.

[ 5 ] Sie stellte dieses künstlerische Wirken ganz in den Dienst des Goetheanums. In der Arbeit für dieses ist sie in ihrem letzten Lebensjahrzehnt ganz aufgegangen. Sie verstand den Sinn, in dem dieses Aufgehen allein möglich ist. Die künstlerischen Impulse, die durch das Goetheanum gegeben werden sollen, können nur wirken, wenn ihnen kein künstlerischer Selbstsinn derer gegenübersteht, die mit echtem Können an die Arbeit gehen. Maryon machte diesen Selbstsinn niemals geltend. Ich musste die Impulse, die von anthroposophischer Art ausgehen, in die Arbeit strömen lassen. Dabei ist es oft schwierig, über Widersprüche hinwegzukommen, die sich ergeben, wenn das künstlerisch Gewohnte und das neu Gewollte zusammenstoßen. Mit Maryon konnte ich bildhauerisch zusammenarbeiten, ohne dass dieses Zusammenstoßen etwas bedeutete. Denn über allem, was sich an künstlerischen Meinungen ergeben konnte, stand vor ihr die frei empfundene Notwendigkeit, dass die Arbeit zustande kommen müsse. Und getragen von einer solchen Empfindung ließ Maryon alles ihr künstlerisch Gewohnte in die neuen Impulse in stiller, energischer Art einströmen.

[ 6 ] Mein Zusammenarbeiten mit ihr auf dem Gebiete der bildenden Kunst ward von einem deutlichen karmischen Symptom eingeleitet. Ich arbeitete, als die plastische Mittelpunktsgruppe für das Goetheanum noch im Anfange ihres Werdens war, in dem vorderen Bildhaueratelier mit ihr auf dem Gerüste, das um das große Plastilin-Modell errichtet war. Ich glitt durch einen Spalt im Gerüst in die Tiefe und hätte auf einen spitzen Pfeiler auffallen müssen, wenn Maryon meinen Fall nicht aufgefangen hätte. Wenn ich in den folgenden Jahren noch etwas leisten konnte für die anthroposophische Sache, so ist es, weil Maryon mich damals vor einer schweren Verletzung bewahrt hat.

[ 7 ] Durchseelt war das künstlerische Wirken Maryons von ihrem Suchen nach der geistigen Entfaltung der Seele. Die esoterische Vertiefung war das selbstverständliche Lebenselement dieser Seele. Ernst in dieser Vertiefung war die Signatur ihres Inneren. Und sie stand vor mancher bedeutsamen Erfahrung auf dem Geistgebiet.

[ 8 ] Dieser Ernst drückte sich auch in ihrem Äußeren aus. Ihr ganzes Wesen offenbarte einen Menschen, der von der Freude im Leben nicht verwöhnt, von manchem aber im Schicksalslauf schwer geprüft worden ist.

[ 9 ] Zwei Eigenschaften waren Edith Maryon eigen, die ihr ganzes Wesen durchzogen. Eine Zuverlässigkeit im Reden und Arbeiten, die dem mit ihr Zusammenwirkenden das Gefühl voller Sicherheit gab; und ein praktischer Sinn, der im Arbeiten überall anzugreifen geneigt war, und dem das Vorgenommene gelingt, weil er die innere Beweglichkeit des Schaffens entfaltet. Für manchen Idealisten, dessen Absichten vor der Wirklichkeit stocken, könnte Maryons Art vorbildlich sein, deren schöner Idealismus stets den Widerstand der Wirklichkeit besiegte, weil bei ihr das Wünschen stets als Wollen sich erbildete.

[ 10 ] Maryons Arbeit blieb nicht im Künstlerischen begrenzt. Sie wirkte in ihrer stillen Art an vielen Stellen der anthroposophischen Arbeit mit. Ihrem Wirken ist es zuzuschreiben, dass durch ihre Freundin, Prof. Mackenzie, zu Weihnacht 1921 sich eine größere Anzahl Lehrer und Lehrerinnen aus England am Goetheanum einfanden, denen ich eine Reihe pädagogischer Vorträge halten durfte. Und in der Fortsetzung dieses ihres Wirkens liegen die Vorträge und eurythmischen Aufführungen, die in Stratford und in Oxford stattfinden konnten. Von ihr gingen die Anregungen aus, die dazu führten, die eurythmischen Bewegungsformen in bemalten Holzfiguren festzuhalten. Sie hat mit eigener Hand bis in die Zeit ihres Krankenlagers hinein diese Figuren gearbeitet.

[ 11 ] Die Brandnacht, die uns das Goetheanum genommen hat, legte in ihren durch vorangegangene Krankheiten geschwächten Körper den Keim, der zu dem mehr als ein Jahr währenden Leiden sich entwickelte. Ende Januar 1923 ward Maryon auf das Krankenlager geworfen; nur in ganz kurzen Unterbrechungen im vorigen Sommer konnte sie dasselbe verlassen; seit dem Herbste 1923 nicht mehr. Sie hat, insbesondere in der letzten Zeit, Unsägliches gelitten. Die innere Energie ihres Lebens im Geiste verblieb ihr ungeschwächt auch auf dem Krankenlager. Sie hat auch so in regster Weise an allem teilgenommen, was am Goetheanum vorging. Der geistige Inhalt der Weihnachtstagung und der Klassenstunden der Freien Hochschule des Goetheanums, die ihr gebracht werden konnten, bildeten auf dem Hintergrunde des schweren Leidens den Inhalt ihrer letzten Erden-Lebenswochen. Auf der Weihnachtstagung wurde sie zur Leitung der Sektion für bildende Kunst am Goetheanum bestimmt. Viele Gedanken wendete sie bis in ihre letzten Tage hinein dem Ziele zu, wie diese Sektion einmal in rechter Art zur Wirksamkeit kommen solle.

[ 12 ] In bewundernswerter Sanftmut hat Maryon ihr schweres Leiden ertragen. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai ist sie an der Seite der befreundeten, sie treu pflegenden Ärztin Dr. Ita Wegman in der vollsten Gedankenklarheit durch die Pforte des Todes in die geistige Welt geführt worden.

[ 13 ] Die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft blicken der Dahingegangenen in vollster Dankbarkeit nach. Maryons Wirken für diese Gesellschaft wird stets als ein ernst-hingebungsvolles empfunden werden.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 14 ] 35. Man versteht das physische Menschenwesen nur, wenn man es als Bild des Geistig-Seelischen betrachtet. Für sich genommen bleibt der physische Körper des Menschen unverständlich. Aber er ist in seinen verschiedenen Gliedern in verschiedener Art Bild des Geistig-Seelischen. Das Haupt ist dessen vollkommenstes, abgeschlossenes Sinnesbild. Alles, was dem Stoffwechsel- und Gliedmaßen-System angehört, ist wie ein Bild, das noch nicht seine Endformen angenommen hat, sondern an dem erst gearbeitet wird. Alles, was zur rhythmischen Organisation des Menschen gehört, steht in bezug auf das Verhältnis des Geistig-Seelischen zum Körperlichen zwischen diesen Gegensätzen.

[ 15 ] 36. Wer von diesem geistigen Gesichtspunkte aus das menschliche Haupt betrachtet, hat an dieser Betrachtung eine Hilfe zum Verständnisse geistiger Imaginationen; denn in den Formen des Hauptes sind imaginative Formen gewissermaßen bis zur physischen Dichte geronnen.

[ 16 ] 37. In derselben Art kann man an der Betrachtung des rhythmischen Teiles der Menschenorganisation eine Hilfe haben für das Verständnis von Inspirationen. Der physische Anblick der Lebensrhythmen trägt im Sinnesbilde den Charakter des Inspirierten. Im Stoffwechsel- und Gliedmaßensystem hat man, wenn man diese in voller Aktion, in der Entfaltung ihrer notwendigen oder möglichen Verrichtungen betrachtet, ein sinnlich-übersinnliches Bild des rein übersinnlichen Intuitiven.