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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

1 June 1924

Noch etwas von der den Zweigversammlungen notwendigen Stimmung

[ 1 ] Anthroposophische Betrachtungen sollten nicht zu einer Unterschätzung des äußeren Lebens führen. Es wird ja bei vielen Menschen so sein, dass entweder schwere Schicksalsschläge oder die Wahrnehmung der Widersprüche im äußeren Leben diejenige Vertiefung des Empfindens hervorruft, welche sich in dem Hinneigen zu einer geistgemäßen Auffassung des Daseins ausdrückt.

[ 2 ] Aber wie die physische Wesenheit des Menschen des Schlafes bedarf, um im Wachen tüchtig zu sein, so hat ein richtiges Drinnenstehen in der geistigen Welt den Sinn für das physische Erleben nötig, um Festigkeit und Sicherheit der Seele zu entwickeln. - Denn die Erfüllung des menschlichen Inneren mit Erkenntnissen vom Geistigen ist ein Aufwachen aus dem Leben in der sinnenfälligen Wirklichkeit und aus den Impulsen, die der Wille aus dieser Wirklichkeit schöpfen kann.

[ 3 ] Deshalb sollten die in der anthroposophischen Gesellschaft tätig wirkenden Mitglieder stets darauf bedacht sein, dass solchen Persönlichkeiten, die aus einer Unterschätzung des äußeren Lebens das innere zu ergreifen suchen, die Kraft dieses Inneren zwar in aller nur möglichen Stärke gegeben werde, dass aber mit diesem ihnen zugleich die Schätzung des Äußeren und die Tüchtigkeit für dieses erstehe.

[ 4 ] Man sollte stets bedenken, dass das menschliche Erdenleben innerhalb des Gesamtdaseins des Menschen, das durch Geburten und Tode geht, eine Bedeutung hat. In diesem Erdenleben ist der Menschengeist in dem materiellen Sein verkörpert. Er ist an dieses materielle Sein hingegeben. Was er in dieser Hingebung erleben kann, das kann ihm in keiner Daseinsform zukommen, in der er als Geist im Geistigen sich selbst gegeben ist.

[ 5 ] Das Leben im materiellen Dasein ist für den Menschen diejenige Daseinsstufe, auf der er das Geistige außerhalb von dessen Wirklichkeit im Bilde wahrnehmen kann. Und ein Wesen, das den Geist nicht auch im Bilde erlebt, kann kein freies, aus der eigenen Wesenheit entspringendes Hinneigen zum Geiste entfalten. Auch diejenigen Wesenheiten, die sich nicht nach Menschenart im materiellen Dasein verkörpern, machen Lebensstufen durch, in denen sie ihr eigenes Wesen an ein anderes DaseinsElement hinzugeben haben.

[ 6 ] In dieser Hingabe liegt die Grundlage für die Entwicklung des Liebes-Impulses im Leben. Ein Wesen, das niemals in eine Entfremdung von dem eigenen Selbst eingeht, kann nicht diejenige Hinneigung zu einem andern in sich erbilden, die sich in der Liebe offenbart. Und das Erfassen des Geistigen durch den Menschen kann leicht in Lieblosigkeit verhärten, wenn es in Einseitigkeit mit einer Verachtung des in der äußeren Welt sich Offenbarenden sich verbindet.

[ 7 ] Wahre Anthroposophie sucht nicht den Geist, weil sie die Natur geistlos findet und deshalb der Verachtung wert, sondern deshalb, weil sie in der Natur den Geist suchen will und ihn nur auf anthroposophische Art darinnen finden kann.

[ 8 ] Wenn eine in dieser Richtung wirkende Gesinnung dasjenige durchwaltet, was in unseren Zweigversammlungen getan wird, so werden diese den Mitgliedern ein Erleben bringen, das mit den Anforderungen, die des Menschen Gesamtdasein an diesen stellt, im Einklange sich befindet. Und die Weltfremdheit, die so leicht wie eine ungesunde Atmosphäre anthroposophischer Arbeit sich ergeben kann, wird vertrieben werden.

[ 9 ] Auch dieses gehört zu den Elementen, die die rechte Stimmung in der Arbeit unserer Gesellschaft bewirken sollen. Die Mitglieder werden ihre Besuche in den Zweigversammlungen nicht in der wünschenswerten Art verbracht haben, wenn sich ihnen ein Abgrund auftut zwischen dem, was sie durch Anthroposophie vernehmen und dem, was sie im äußeren Leben erfahren müssen. Der Geist, der in den Zweigversammlungen waltet, muss zum Lichte werden, das fortleuchtet, wenn das Mitglied den äußeren Anforderungen des Tages hingegeben ist. Waltet solcher Geist nicht, so wird das Mitglied durch Anthroposophie für das Leben, das doch seine Rechte hat, nicht tüchtiger, sondern untüchtiger. Dann aber wären manche Vorwürfe, die von Außenstehenden der anthroposophischen Gesellschaft gemacht werden, berechtigt. Und die Anthroposophische Gesellschaft würde Anthroposophie nicht fördern, sondern schädigen.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 21 ] 44. Ein Übergang zu der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Schicksalsfrage sollte dadurch herbeigeführt werden, daß man an Beispielen aus dem Erleben einzelner Menschen den Gang des Schicksalsmäßigen in seiner Bedeutung für den Lebenslauf erörtert; zum Beispiel wie ein Jugenderlebnis, das ganz sicher nicht in voller Freiheit durch eine Persönlichkeit herbeigeführt ist, das ganze spätere Leben zu einem großen Teile gestalten kann.

[ 22 ] 45. Es sollte die Bedeutung der Tatsache, daß im physischen Lebenslaufe zwischen Geburt und Tod der Gute unglücklich im Außenleben, der Böse wenigstens scheinbar glücklich werden kann, geschildert werden. Beispiele in Bildern sind für die Erörterung wichtiger als theoretische Erklärungen, weil sie die geisteswissenschaftliche Betrachtung besser vorbereiten.

[ 23 ] 46. Es sollte an Schicksalsfällen, die in das Dasein des Menschen so eintreten, daß man ihre Bedingungen im jeweilig gegenwärtigen Erdenleben nicht finden kann, gezeigt werden, wie gegenüber solchen Schicksalsfällen schon rein die verstandesgemäße Lebensansicht auf früheres Erleben hindeutet. Es muß natürlich aus der Art der Darstellung klar sein, daß mit solchen Darstellungen nichts Verbindliches behauptet, sondern nur etwas gesagt werden soll, das die Gedanken nach der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Schicksalsfrage hin orientiert.