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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

22 June 1924

Die Veranstaltungen in Koberwitz und in Breslau

[ 1 ] Seit längerer Zeit war es der Wunsch einer Anzahl von Anthroposophen, die in landwirtschaftlichen Berufen stehen, dass von mir ein Kursus abgehalten werde, der enthalten solle, was aus anthroposophischer Anschauung über Landwirtschaft zu sagen ist. Vom 7. bis 16. Juni konnte ich die Zeit finden, diesem Wunsche zu entsprechen.

[ 2 ] Koberwitz bei Breslau, wo Graf Carl Keyserlingk ein großes landwirtschaftliches Gut in vorbildlicher Art verwaltet, war einer der für einen solchen Kursus gegebenen Orte. Es war ja selbstverständlich, dass über Landwirtschaft da gesprochen wurde, wo die zu der Veranstaltung Versammelten die Dinge und Vorgänge, auf die sich die Ausführungen bezogen, um sich herum haben konnten. Das gibt einer solchen Veranstaltung Stimmung und Farbe.

[ 3 ] Die Nähe des Gutes Koberwitz von Breslau ermöglichte ja auch, den landwirtschaftlichen Kursus mit andern anthroposophischen Arbeiten zu verbinden.

[ 4 ] Nun haben wir in Koberwitz-Breslau in dem Grafen Carl Keyserlingk und in Rektor Bartsch zwei Persönlichkeiten, die jederzeit bereit sind, für die Pflege der Anthroposophie mit hingebungsvollem Enthusiasmus, mit zielsicherer Umsicht und eindringlicher Energie zu arbeiten.

[ 5 ] Deren Hingabe ist es zuzuschreiben, dass wir in der angegebenen Zeit eine große Anzahl unserer Mitglieder in anthroposophischem Streben versammelt hatten.

[ 6 ] Die Vormittage von 11½ bis 3 Uhr waren der Landwirtschaft gewidmet. Zu dieser Zeit durften sich eine größere Zahl von Landwirten in dem Heim von Gräfin und Graf Keyserlingk in Koberwitz versammeln. Man war übereingekommen, dass auch für die Sache Interessierte, die nicht unmittelbar in der landwirtschaftlichen Praxis stehen, in geringerer Zahl anwesend sein konnten.

[ 7 ] Der Vormittag wurde jeden Tag mit meinem Vortrage begonnen. Ich machte zum Inhalte das Wesen der Erzeugnisse, welche von der Landwirtschaft geliefert werden, und der Bedingungen, unter denen diese Erzeugnisse entstehen können. Das Ziel dieser Auseinandersetzungen war, zu solchen praktischen Gesichtspunkten für die Landwirtschaft zu kommen, die zu dem heute durch praktische Einsicht und wissenschaftliche Untersuchung Gewonnenen das hinzufügten, was von einer geistgemäßen Betrachtung der einschlägigen Fragen gegeben werden kann.

[ 8 ] An den Vortrag schloss sich eine Frühstückspause, in der das Haus Keyserlingk in der «eingehendsten» Weise für die Bewirtung der in Breslau wohnenden und zum Kursus nach Koberwitz gekommenen Teilnehmer sorgte.

[ 9 ] Dann folgte eine Aussprache über die jeweils behandelten Fragen. Die Lebhaftigkeit, mit der es da zuging, zeugte von dem allerstärksten Interesse der Versammelten an der anthroposophischen Behandlung von Dingen, die ihnen nahestehen.

[ 10 ] Unser Freund, Herr Stegemann, sprach gleich im Beginne der Tagung von Dingen, die sich für ihn an Gespräche knüpften, die ich vor einiger Zeit schon mit ihm über Landwirtschaftliches haben konnte. Er hat ja aufgrund des so Gesagten bereits praktische Versuche auf dem von ihm bewirtschafteten Gute gemacht. Was sich ihm da ergeben hatte, und was er an sich daran knüpfenden Wünschen hatte, brachte er vor.

[ 11 ] An diese Auseinandersetzungen Stegemanns schloss sich ein Vorschlag des Grafen Keyserlingk, der sogleich darauf ausging, über das durch den Kursus Anzudeutende die nötigen Versuche zu machen. Für dieses Ziel sollte eine Gemeinschaft von Berufslandwirten sich zusammenfinden. Eine solche wurde denn auch in einer darauffolgenden Versammlung der anwesenden Landwirte gegründet. Man kam überein, dass das im Kursus Mitgeteilte zunächst als Winke betrachtet werde, von dem man vorläufig nicht außerhalb des Kreises der Teilnehmer spricht, sondern das man als die Grundlage für Versuche betrachtet, durch die es in die Form gebracht werden soll, in der man es veröffentlichen kann. Diese Gemeinschaft, bei deren Versammlungen abwechselnd Graf Keyserlingk und Herr Stegemann den Vorsitz führen sollen, wurde als eine Vereinigung von Menschen erklärt, die sich der naturwissenschaftlichen Sektion am Goethcanum eingliedert. Von dieser Scktion aus soll den Versuchsarbeiten fortdauernd Richtung und Ziel gegeben werden.

[ 12 ] Graf Keyserlingk hat damit dem, was der Kursus anregen konnte, mit sicherer Hand die sachgemäße Orientierung gegeben.

[ 13 ] Fräulein Dr. Vreede, die anwesend war, wurde gebeten, als sachverständige Mitarbeiterin bei der Leitung der Versuche vom Goetheanum aus zu wirken.

[ 14 ] In reger Art wurden die nötigen Vorbesprechungen dieser Gemeinschaft in einer Reihe von Versammlungen gepflogen.

[ 15 ] Nach einer entsprechenden Pause schlossen sich an die landwirtschaftlichen Veranstaltungen andere anthroposophische in Breslau.

[ 16 ] Zu einem Kursus über künstlerische Behandlung der Sprache, der von Frau Marie Steiner abgehalten wurde, hatten sich so viele Teilnehmer gemeldet, dass in dieser Richtung eine Begrenzung der Teilnehmerzahl eintreten musste. Es ist sachgemäß, dass bei einem solchen Kurse die Anwesenden zu wirklichen Übungen im Sprechen kommen. Man kann deswegen nicht eine unbegrenzte Teilnehmerzahl haben. Diesmal wurde nun ein Mittelweg dadurch eingeschlagen, dass man einer möglichen Teilnehmerzahl die vorderen Plätze anwies, wo mit ihnen die Übungen gemacht werden konnten, während eine größere Anzahl von Zuhörern in den weiteren Sitzreihen das entgegennehmen konnte, was durch stummes Zuhören zu gewinnen ist. Frau Marie Steiner wählte diesen Weg, weil sie dem so befriedigenden Interesse entgegenkommen wollte, das sich in Anthroposophenkreisen für die Sprachkunst in einem weiten Umfange zeigt. Dieses Interesse ist im höchsten Grade erfreulich. Denn es zeigt ein Wachsen des Verständnisses für die Art der künstlerischen Sprachbehandlung, die aus dem anthroposophischen Geiste heraus durch Frau Marie Steiner gepflegt wird. Es steht zu hoffen, dass durch das weitere Wachsen dieses Verständnisses die Kunst des Sprechens in immer weiteren Kreisen Eingang finden wird. Das kann bei der großen Bedeutung, welche diese Kunst für die Persönlichkeitskultur hat, recht segensreich wirken.

[ 17 ] Eine Eurythmievorstellung mit den Eurythmiekünstlern vom Goetheanum und unter der Leitung und rezitatorischen Mitwirkung von Marie Steiner, wie auch unter der Mitwirkung von Max Schuurman, fand im vollbesetzten Lobe-Theater und bei regster Anteilnahme des Publikums am Montag, dem 9. Juni statt.

[ 18 ] Zwei Klassenvorträge der Freien Hochschule des Goetheanums konnte ich am 12. und 13. Juni im Rahmen der Breslauer Veranstaltungen abhalten. Ich zeigte, wie der Weg zur Geisterkenntnis und die seelischen Erlebnisse beim Übergang vom sinnlichen zum geistigen Anschauen durch innere Seelenarbeit verstanden werden kann.

[ 19 ] Zwei Versammlungen der in Breslau bestehenden Jugendgruppe der anthroposophischen Gesellschaft konnten abgehalten werden. Als tief befriedigend darf diese Tatsache bezeichnet werden. Mit offenem Herzen und aus ernster Seelenstimmung sprachen einzelne Teilnchmer des Jugendkreises; offene Herzen und teilnahmsvolle Seelen schaute ich vor mir, wenn ich sprach. Man redete über das Wesen der Jugendbewegung und über Ziele derselben, welche die Zeit fordert. Es lag viel Idealismus, Seelensorge, aber auch viel guter Wille in den Teilnchmern dieser Versammlungen. Man möchte wünschen, dass in Einigkeit die Jugend nach der Verwirklichung dessen strebt, was sie im Herzen nach der geistigen Welt hindrängt, und dass sie sich nicht durch Uneinigkeit schwach macht.

[ 20 ] Den Abschluss der Tage bildete immer der Mitgliedervortrag, den ich zu halten hatte. Mit unseren Breslauer Freunden hatten sich eine große Zahl auswärtiger Mitglieder aus einem großen Umkreise vereinigt, sodass diese Mitgliederabende eine sehr große Zahl von Freunden der anthroposophischen Bewegung vereinigte. Ich sprach über das menschliche Schicksal in seiner Entwicklung durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben hindurch, über die Art, wie an der Gestaltung dieses Schicksales (Karma) in dem menschlichen Dasein zwischen Tod und neuer Geburt die Wesenheiten einer übersinnlichen Welt wirken; ich gab Beispiele, an denen ich aus der Geistesforschung heraus diese Gestaltung veranschaulichen konnte.

[ 21 ] Am Sonntag, dem 15. Juni, fand noch eine Vorführung der Iphigenie statt durch die Schauspieler, die sich um Kugelmann zu neukünstlerischen Bühnenspielen vereinigt haben. Kugelmann hat die Anregungen, die er in einem Kursus über künstlerische Sprachbehandlung empfing, den vor einiger Zeit Marie Steiner am Goetheanum gehalten hat, für die Schauspielkunst angewendet. In dieser Vorführung zeigte er die Früchte seines schönen Mühens.

[ 22 ] Ich schreibe diese Erzählung von unserer Breslauer und Koberwitzer Tagung nach dem letzten Mitgliedervortrag; und ich danke auch an dieser Stelle Herrn Rektor Bartzsch für die lieben Worte, mit denen er nach der Beendigung dieses Vortrages den Schluss dieses Teiles der Tagung verschönt hat. Wir haben nun noch am 16. Juni eine Versammlung der Teilnehmer am landwirtschaftlichen Kursus, eine Sprachkursstunde von Marie Steiner, und ein geselliges Zusammensein der Kursteilnehmer vor uns.

[ 23 ] Vom Vorstande am Goetheanum sind hier anwesend: Marie Steiner, Dr. Vreede, Dr. Wachsmuth.

[ 24 ] Allerherzlichsten Dank müssen alle Teilnehmer dieser Tagung empfinden gegenüber der Gräfin und dem Grafen Keyserlingk und den übrigen Mitgliedern des Keyserlingk’schen Hauses, die in einer Art, wie sie schöner, würdiger, sachgemäßer gar nicht gedacht werden könnte, hier die anthroposophische Arbeit zielsicher gestaltet und in ein wahres Fest eingerahmt haben. Es gehörte viel aus dem Geiste der Anthroposophie geborener Enthusiasmus und eine tiefe Liebe zur Sache dazu, um in solcher Art diese Tagung zu gestalten.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 25 ] 53. Die Entfaltung des Menschenlebens zwischen Tod und neuer Geburt geschieht in aufeinanderfolgenden Stufen. Während weniger Tage unmittelbar nach dem Durchgang durch die Todespforte wird in Bildern das vorangegangene Erdenleben überschaut. Dieses Überschauen zeigt zugleich die Ablösung des Trägers dieses Lebens von der menschlichen Seelen-Geist-Wesenheit.

[ 26 ] 54. In einer Zeit, die ungefähr ein Drittel des eben vollendeten Erdenlebens umfasst, wird in Geisteserlebnissen, welche die Seele hat, die Wirkung erfahren, welche im Sinne einer ethisch gerechten Weltordnung das vorangegangene Erdenleben haben muss. Es wird während dieses Erlebens die Absicht erzeugt, das nächste Erdenleben zum Ausgleich der vorangegangenen so zu gestalten, wie es diesem Erleben entspricht.

[ 27 ] 55. Eine lang dauernde, rein geistige Daseinsepoche folgt, in der die Menschenseele mit andern mit ihr karmisch verbundenen Menschenseelen und mit Wesenheiten der höhern Hierarchien das kommende Erdenleben im Sinne des Karma gestaltet.