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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

24 August 1924

Unsere Sommerkurse in Torquay

[ 1 ] In Torquay, an der südwestlichen englischen Küste, haben diesmal die Freunde der anthroposophischen Bewegung in England die Sommerkurse veranstaltet. Mr. Dunlop, der feinfühlige, nach weiten Zielen schauende Anthroposoph, und Mrs. Merry, die unermüdlich Tätige und der Bewegung liebevoll Ergebene, haben sich, im Verein mit den andern Freunden, der großen Arbeit unterzogen, diese Kurse zu ermöglichen.

[ 2 ] Die Arbeit besteht in einem fortlaufenden Kurse für Mitglieder und Freunde der Anthroposophie, den ich an den Vormittagen halte und für den das Thema gewünscht worden ist: «Die wahren und die falschen Wege der geistigen Forschung»; in einem Kursus für die Lehrkräfte der in der Begründung begriffenen, im anthroposophischen Geiste gehaltenen Schule, der in den ersten Nachmittagsstunden stattfindet; in fünf Eurythmie-Aufführungen, die von Marie Steiner geleitet werden und bei denen diese auch die Rezitation leistet; in Mitglieder-Vorträgen und Klassenstunden; ferner in Vorträgen Dr. v. Baravalles.

[ 3 ] Vom Vorstande am Goetheanum sind außer mir der Schriftführer Dr. Ita Wegman, Marie Steiner, Dr. L. Vreede und Dr. Wachsmuth anwesend. Der Präsident der englischen Anthroposophischen Gesellschaft, Mr. H. Collison, und die meisten Vorstandsmitglieder sind anwesend.

[ 4 ] Die Übersetzung meiner in deutscher Sprache gehaltenen Vorträge leistet in der aufopferndsten Art Mr. Kaufmann.

[ 5 ] Wir stehen, da ich dieses schreibe, mitten in dem Kurse darinnen; sechs Vormittagsvorträge, sechs pädagogische Vorträge, zwei Mitgliedervorträge, zwei Eurythmieaufführungen, ein Vortrag Dr. v. Baravalles haben bereits stattgefunden.

[ 6 ] In den Vormittagsvorträgen setze ich mir zur Aufgabe, die Wege der menschlichen Seele zu den verschiedenen Bewusstseinszuständen zu zeigen, durch die sich dem Menschen die dem gewöhnlichen Bewusstseins verborgenen Weltgebiete offenbaren. Zunächst habe ich dargestellt, welche Veränderungen die Bewusstseinsverfassung des Menschen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung durchgemacht hat. Ich habe dazu zwei Beispiele gewählt: die alten Chaldäer und die Lehrer der Schule von Chartres im Mittelalter. Bei den Chaldäern ist ein Anschauen vorhanden, das an den Sinnesoffenbarungen auch noch das Geistige mit-wahrnimmt. Bei ihnen ist noch nicht das gedankengetragene Wachbewusstsein vorhanden, das die heutige Menschheit hat, sondern ein solches, das in Bildern Sinnliches und Geistiges wachend zusammenschaut; dafür aber bleibt ihnen auch der traumlose Schlaf nicht erinnerungslos; sie besinnen sich auf denselben und nehmen dadurch das Geistige wahr, dem der Mensch vor der Geburt und nach dem Tode angehört. Die Lehrer von Chartres sprechen aus ihrem Bewusstsein heraus, das sie zwar nicht mehr voll entwickelt, aber dem Inhalte nach traditionell überliefert haben, von der «Natur» nicht wie der gegenwärtige Mensch als einer bloßen Summe von Naturgesetzen, sondern wie von einem lebendigen Wesen, das im lebendigen Tun die Erscheinungen der Natur hervorbringt. Die Anschauung dieses lebendigen Wesens, die der Mensch einstens besessen hat, ist damit verloren gegangen, dass die Erinnerungsfähigkeit an die Erlebnisse des traumlosen Schlafes erloschen ist. Ich ging dann dazu über, zu zeigen, wie der Mensch die verschiedenen Bewusstseinszustände in sich erzeugt, wie er dadurch zu der Erkenntnis dessen kommt, was geistig hinter dem Menschen-, dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreiche waltet. Ich schilderte die geistige Wesenhaftigkeit einzelner Metalle und deren Beziehung zu dem sich zur geistigen Anschauung entwickelnden sowie auch zu dem kranken Menschen. Ich stellte ferner dar, wie der Bewusstseinszustand ist, der das Leben des Menschen über den Tod hinaus verfolgen kann. Auch stellte ich den Zuhörern vor Augen, wie gewisse Bewusstseinszustände, die entwickelt werden können, dem Menschen ermöglichen, sein geistiges Gesichtsfeld von der Erde hinweg in den Kosmos, zu den Sternensphären zu erweitern.

[ 7 ] So versuche ich die Grundlage dafür zu gewinnen, die rechten Wege zur Erkenntnis der geistigen Welt zu z. gen, um dann weitergehend die Abirrungen auf unrichtige Bahnen anschaulich machen zu können.

[ 8 ] In den pädagogischen Vorträgen bemühe ich mich, den Lehrkräften der hier in England nach dem Muster der Waldorfschule zu gründenden Primarschule eine Art Seminarkurs zu geben. Die für den Lehrenden und Erziehenden notwendige Gesinnung, die für die Ausübung der pädagogischen Kunst unerlässliche Seelenverfassung, versuche ich zu beleuchten. Methodische Anweisungen für die einzelnen Erziehungsgebiete und Unterrichtsfächer versuche ich zu geben. Alles ist auf die Darstellung einer in wahrer Menschen-Erkenntnis gegründeten Lehrpraxis hin orientiert.

[ 9 ] In den Eurythmie-Aufführungen hat Marie Steiner internationale Programme für die eurythmische Darstellung von Dichtungen und vielseitige Musik-Eurythmisierungen zusammengestellt, die das Wesen der eurythmischen Kunst allseitig zur Vorführung bringen. Die englische, französische und deutsche Rezitation wird von Marie Steiner besorgt. In den zwei Aufführungen, die wir gehabt haben, herrschte eine herzliche und erfreuende Stimmung. Man hat das Gefühl, die Eurythmie dringt allmählich zu den Herzen der kunstempfänglichen Menschen vor. Ich bin froh darüber, dass die unter Marie Steiners Leitung stehende Eurythmietruppe, die am Goetheanum ihren künstlerischen Mittelpunkt hat, wird — nach den zwei bisher stattgehabten Vorstellungen ist das zu schließen - mit den befriedigendsten Gefühlen an die so herzlich begeisterte Aufnahme ihrer Leistungen zurückdenken können.

[ 10 ] In den Mitgliedervorträgen sprach ich über die Art, wie Menschen, indem sie durch wiederholte Erdenleben gehen, die Ergebnisse der einen Geschichtsepoche in die andere hinübertragen. Ich zeigte, wie es durch solches Hinübertragen erklärlich wird, dass in unserer gegenwärtigen Zivilisation so verschiedenartige Geistesrichtungen sich offenbaren. Die Träger dieser Geistesrichtungen tragen eben aus ihren vorigen Erdenleben die mannigfaltigsten Ergebnisse in sich, und diese wirken sich in ihnen karmisch aus. So kann man durch geisteswissenschaftliche Forschung erkennen, wie Bacon v. Verulam außerchristliche, im Mohammedanismus und Arabismus wurzelnde Ideen-Impulse aus früheren Erdenleben in das hingetragen hat, in dem er Bacon war.

[ 11 ] Die Art, wie wir über den bisherigen Verlauf dieser Sommerkurs-Veranstaltung empfinden dürfen, die gute Stimmung, die herrscht, lassen hoffen, dass auch der weitere Fortgang in der schönsten Weise sich gestalten werde.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 12 ] 82. Der Mensch blickt zu den Sternenwelten auf; was sich da den Sinnen darbietet, sind nur die äußeren Offenbarungen derjenigen Geistwesenheiten und ihrer Taten, von denen in vorigen Nummern dieses Mitteilungsblattes als den Wesen der geistigen Reiche (Hierarchien) gesprochen worden ist.

[ 13 ] 83. Die Erde ist der Schauplatz der drei Naturreiche und des Menschenreiches, insofern diese den äußeren Sinnenschein von der Tätigkeit geistiger Wesenheiten offenbaren.

[ 14 ] 84. Die Kräfte, welche in die irdischen Naturreiche und in das Menschenreich vonseiten geistiger Wesen hineinwirken, enthüllen sich dem Menschengeiste durch die wahre, die geistgemäße Erkenntnis der Gestirnwelten.

(Fortsetzung in nächster Nummer.)