Kosmogonie
Populärer Okkultismus
GA 94
28 Juni 1906, Leipzig
Erster Vortrag
[ 1 ] Zweck dieser Vorträge ist eine Einführung in die theosophische Weltanschauung in ihrem Zusammenhang. Dabei werden wir Fragen zu behandeln haben wie die Ursache des Todes, die Ursache des Leidens, den Ursprung des Bösen und so weiter. Ausgehend vom Menschen, seinem Wesenskern, werden wir das große Gesetz von Reinkarnation und Karma betrachten sowie den Ursprung des Menschen, der Erde und des Sonnensystems. Ferner, wie die großen Wahrheiten, speziell im Christentum und in den einzelnen Religionen, zum Ausdruck kommen. Es ist die Wahrheit vom Wesen des Menschen, wie sie der Okkultismus allezeit verstanden hat. Der Okkultismus, die Weisheit von den verborgenen Wesenheiten, betrachtet den Menschen so, daß der sichtbare Teil seiner Wesenheit, der physische Leib, das erste Glied bildet, das als materielles Gebilde wie andere leblose Gegenstände betrachtet wird. Das zweite Glied ist der Ätherleib, welcher unsichtbar und feiner als der physische Leib ist. Er ist das Ebenbild des physischen Leibes in den oberen Partien des Menschen, in den unteren ist er anders gestaltet. So wie ein Blindgeborener die Angaben eines Sehenden für Phantastereien hält, geradeso geht es denen, die den Ätherleib hellsehend wahrnehmen. Von denen sind es bis jetzt etwa dreihundert bis vierhundert unter allen Menschen, die diese Fähigkeit haben. Aber die Anlage dazu schlummert in allen Menschen; darum wird das in hundert Jahren etwas anders sein. Riesenfortschritte stehen in nächster Zeit bevor, auch auf technischem Gebiet. Die gegenwärtige Theosophie ist ja nur der elementare Teil des Okkultismus, mehr darf heute noch nicht gelehrt werden.
[ 2 ] Durch innere Schulung wird die Entwickelung des geistigen Sehvermögens erreicht. Wer schon Hellsehen besitzt, sieht den Ätherleib folgendermaßen: Er muß dazu seine Aufmerksamkeit vom physischen Leib ganz abwenden und sich diesen gleichsam wegsuggerieren. Suggestion, Hypnotismus, abnorme Seelenzustände, abgedämpftes Bewußtsein, positive und negative Suggestion, die schädlich sind für den, an dem sie ausgeübt werden, damit hat die hier gemeinte Theosophie nichts zu tun. Wer seine höheren Seelenkräfte entwickelt hat, ist imstande, die ganze sinnliche Wirklichkeit eines vor ihm befindlichen Menschen oder Gegenstandes durch seine Willenskraft aus dem Gesichtsfelde hinauszuwerfen. Anstelle des physischen Körpers ist dann derselbe Raum eingenommen von einer menschenähnlichen Gestalt, die aus einem innerlich leuchtenden Kraftgebilde besteht und dem heutigen Menschen sehr ähnlich ist. Nur ragt dieser Ätherleib etwas über den Kopf hinaus. Bei den Pflanzen, Tieren und bei den Kindern ragt er ziemlich weit über den physischen Leib hinaus.
[ 3 ] Das dritte Glied ist der Astralleib. Zunächst müssen wir diesen mehr von innen betrachten, dann erst von außen. Wenn ein Mensch vor einem steht, greift man mit der Hand den physischen Leib an. Vom Ätherleib soll einmal abgesehen werden. Da wo man am Körper Muskeln, Knochen, Nerven sieht, ist auch eine Summe von Begierden, Schmerzen, Freuden, Idealen, Leidenschaften. Alle diese sind ebenso wirklich wie jene. Das ist der Astralleib von innen angeschaut.
[ 4 ] Von außen gesehen ist der Astralleib für den gewöhnlichen Menschen überhaupt nicht da. Wenn aber der Mensch sich seelisch schult, dann lernt er auch den Astralleib als einen seelischen Menschen erleben; dies nennt man die Aura. Eine wilde Leidenschaft durchzieht den Astralleib wie eine rote, trübe Wolke, ein reines Ideal hat weiß-goldene Ausstrahlungen. Die alten Maler, die dem Hellsehen noch näherstanden, haben diese Aura in den verschiedensten Strahlungen gemalt. Menschen mit viel Sympathie und Nächstenliebe zeigen eine grünliche Aura. Fromme Gefühle, religiöse Inbrunst umleuchten die Menschen mit blauen Umstrahlungen. Diese Aura ist nur der äußere Ausdruck für die inneren Triebe, Begierden und so weiter. Die äußere Form der Aura ist ganz anders als die des physischen Leibes, sie bettet den Menschen ein wie eine Eiform. Diese Lichterscheinung umstrahlt und umschwebt den menschlichen Leib.
[ 5 ] In einigen Jahrzehnten werden diese Wahrheiten für die Erziehung des Menschen, für die Pädagogik, von größtem Wert sein. Wenn erst die Geisteswissenschaft Einlaß in unser Erziehungssystem gefunden haben wird, wird unendlich viel gewonnen sein. Sie ist für das äußere Leben unendlich wichtig.
[ 6 ] Betrachten wir einmal das Kind im Hinblick auf diese drei Leiber. Sie entwickeln sich bei ihm nicht gleichzeitig. Vom ersten bis zum siebenten Jahr entwickelt sich der physische Leib, die beiden anderen Leiber sind noch nicht frei, sie wirken innerlich auf den physischen Leib. Nur auf den physischen Leib kann man deshalb in dieser Zeit erziehend einwirken, die beiden anderen Wesensglieder müssen sich erst entwickeln. Eine verständige Erziehung wird von einer vorzeitigen Einwirkung auf diese beiden anderen Leiber absehen. Vom ersten bis siebenten Jahr braucht das Kind sichtbare, wahrnehmbare Bilder, Vorbilder. Die sichtbare Umgebung des Kindes sollte rein sein bis in die Gedanken hinein. Denn die Umgebung hat einen viel größeren Einfluß auf die Entwickelung des Kindes, als gewöhnlich angenommen wird. Selbst für gute und böse Gedanken hat das Kind eine Empfindung. Man muß die Sinne des Kindes schärfen. Über die Eindrücke der Sinne hinaus ihm Begriffe beibringen zu wollen, hilft nichts. Die Phantasie des Kindes sollte angeregt werden. Deshalb darf man dem Kinde nicht ganz fertige Dinge als Spielsachen geben. Es sollte sich selbst etwas zusammensetzen, ein Gebilde machen und so weiter. Dadurch wird das Kind geweckt und die Kräfte des physischen Leibes werden entwickelt. Also keine kunstvollen Spielsachen!
[ 7 ] Im siebenten Jahr geht eine besondere Veränderung im Kinde vor sich: ein Teil des Ätherleibes wird nun frei, und deshalb sollte von jetzt ab auf den Ätherleib eingewirkt werden. Was wirkt auf den Ätherleib? Beobachten wir zunächst, was beim Tod des Menschen vor sich geht. Es bleibt der physische Leib allein liegen, Ätherleib und Astralleib trennen sich von ihm und steigen auf. Im Schlafe ist es anders. Beim schlafenden Menschen ist der Ätherleib mit dem physischen Leib verbunden im Bett, und nur der Astralleib löst sich heraus. Im Augenblick des Todes geschieht für den Menschen etwas außerordentlich Merkwürdiges: das ganze verflossene Leben liegt vor dem Gedächtnis ausgebreitet und zieht an ihm vorüber. Dasselbe kommt zuweilen in höchster Lebensgefahr vor, zum Beispiel bei Ertrinkenden, Abgestürzten und so weiter, die wieder zum Leben erwacht sind. In solchen Momenten tritt ihnen auch ihr ganzes vergangenes Leben vor die Seele. Was geschieht da? Es lockert sich der Ätherleib vom physischen Körper. Ein ähnlicher Vorgang vollzieht sich, wenn ein Glied «einschläft» oder wenn man es abbindet. Der Hellseher sieht beispielsweise, wenn jemand sich den Finger abbindet, wie der Ätherleib des Fingers herunterhängt und gelockert ist. Bei einem Hypnotisierten ist dieser Zustand sehr gefährlich, weil bei ihm das Äthergehirn zu beiden Seiten des Kopfes schlaff heraushängt. Warum liegt in besonderen Augenblicken das ganze Leben vor dem Menschen? Weil der Ätherleib der Träger des Gedächtnisses ist. Wird er vom physischen Leib frei, so kann er in diesem Augenblick seinen eigenen Bewegungen folgen, und das Gedächtnis ist freier als sonst. Im normalen Zustand erfüllt er den physischen Leib wie eine verdichtete Lichtwolke. Bis zum Tode stört der physische Leib fortwährend die feinen Kräftewirkungen des Ätherleibes.
[ 8 ] Vom siebenten Jahre an hat nun das Kind die Kräfte des Ätherleibes frei, und man sollte deshalb vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre auf das Gedächtnis einwirken. Da der Ätherleib uns alles in Bildern darstellt, wird man dem Kind Bilder und Vergleiche geben und mit Märchen und schönen Erzählungen wirken. In dieser Zeit nimmt das Kind alles auf die Autorität seiner Eltern und Erzieher hin an.
[ 9 ] Erst vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr wird der Astralleib frei. Mit der Geschlechtsreife fängt er an, sich herauszuentwickeln, bei den Mädchen etwas früher als bei den Knaben. Der Astralleib ist der Träger des Verstandes, des bewußten Urteils. Das ist dann der Zeitpunkt, durch Ausbildung der Urteilsfähigkeit auf den Astralleib einzuwirken. Strebt man dies früher an, so versündigt man sich am Kinde, denn das fügt ihm Schaden zu. Es wird die Zeit kommen, wo man die Wissenschaft vom Geiste pädagogisch anwenden wird.
[ 10 ] Seinen physischen Leib hat der Mensch gemein mit allem Mineralischen, seinen Ätherleib mit allen Pflanzen, seinen Astralleib mit allen Tieren. Aber über alle diese Wesenheiten ragt der Mensch empor durch das Ich-Bewußtsein, durch das kleine Wörtchen «Ich», das aber einzig in seiner Art ist. Denn «Ich» ist der einzige Name, den jeder nur zu sich selber sagen kann. Das ist eine Tatsache von größter Bedeutung. In der althebräischen Religion durfte «Ich», dieses «okkulte Wort», nur vom höchsten Eingeweihten, dem Hohenpriester, ausgesprochen werden. Das war ein feierlicher kultischer Moment. Da wartete das ganze Volk auf das Aussprechen des Wortes: «Jahve» (Ich) - und ein heiliger Schauer durchlief die andächtige Menge. Jahve: der im Inneren sprechende Gott. Das Wort Jahve (Jehova) galt als der unaussprechliche Name. Das ist die Stimme, mit welcher der Gott im Menschen zu sprechen beginnt. Niemals kommt dieses Wort von außen in uns hinein. Beim Wort Ich berührt das Ewige das Zeitliche. Damit haben wir die vier Glieder der menschlichen Wesenheit kennengelernt: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und den Wesenskern des Menschen, das Ich. Beim Tode trennen sich Ätherleib, Astralleib und Ich vom physischen Leib. Ätherleib und Astralleib lösen sich dann allmählich auf, bis das Ich in das Devachan eintritt, wo es bleibt bis zu einem neuen Erdenleben.
