Das christliche Mysterium
GA 97
16 März 1907, Leipzig
31. Tierseele und menschliche Individualität
[ 1 ] Die Frage nach der Beseelung anderer Geschöpfe, als es der Mensch ist, soll uns heute beschäftigen, besonders die Frage, ob die Tiere in irgendeiner Weise beseelt sind oder nicht. Dem, der über solche Dinge obenhin huscht, mag sie überflüssig erscheinen, und doch haben sich auch schon früher hochstehende Menschen damit beschäftigt. Bereits Cartesius, der im Beginn des 17. Jahrhunderts lebende Erneuerer der im Mittelalter erstorbenen Philosophie, warf diese Frage auf. Er sah freilich die Tiere wie Maschinen an, wie Wesen, bei denen man von einer eigentlichen Beseelung nicht sprechen kann, Reflexmaschinen. Wer das Tierleben sinnig betrachtet, wird diese Ansicht schwerlich teilen können. Wir brauchen nur darauf hinzuweisen, wie manche Tiere in unserer Umgebung Dinge ausführen, Beziehungen knüpfen auch unter sich, die ohne Seele schwer zu denken sind. Ein Beispiel ist die Treue des Hundes. Wir können uns schwer dem Gedanken hingeben, daß nichts in seinem Inneren lebt, ähnlich dem, was im Menschen lebt.
[ 2 ] Wenn wir gewisse Verrichtungen betrachten, können wir da absehen von einer höheren geistigen Tätigkeit? Betrachten wir zum Beispiel einen Biberbau. Diese so kunstvolle Ausführung würde für einen Menschen eine große geistige Anstrengung bedeuten. Wie etwa gewisse Balken genau, aber auch ganz genau im richtigen Winkel dem Gefälle des Wassers und den jeweiligen Verhältnissen angepaßt sind, darin liegt eine tiefe Weisheit.
[ 3 ] Nehmen Sie die Ameisen! In jedem Ameisenhaufen treffen Sie etwas wie eine weise staatliche Einrichtung der Menschen, ja sogar über die der jetzigen Menschen hinausgehend. In drei Gruppen sind die Ameisen geteilt: Arbeiter, Männchen und Weibchen. Nachweisbar ist, daß die Arbeiter sehr klug, die Weibchen dümmer und die Männchen sehr dumm sind. Alles in dem Bau ist kunstvoll gegliedert: wie sie alles Nötige herbeischaffen zum Bau und zur Aufzucht der Jungen, wie sie ihre Raubzüge ausführen und so weiter. Wenn alles dies im Menschenstaat eine seelische Tätigkeit notwendig macht, so können wir den Tieren eine Beseelung nicht absprechen. Die Menschen geben sich da immer zufrieden mit dem Instinkt, aber sie versuchen nie, sich etwas unter dem Instinkt zu denken. Wir müssen nun auch die andere Seite betrachten und nicht übersehen, daß ein grundlegender Unterschied besteht zwischen dem, was das Tier, und dem, was der Mensch leistet mit seiner Seele. Wir wollen da von einer bestimmten Tatsache als Beispiel ausgehen. Reisende konnten mehrfach bemerken, daß, wenn sie sich bei Kälte ein Feuer anmachten und dies dann verließen, die Affen kamen und sich daran wärmten. Nie aber wurde bemerkt, daß ein Affe Holz geholt hätte, das Feuer zu unterhalten. Zu dieser Kombination kommt er nicht, und das ist eminent wichtig: Aus eigenen geistigen Fahigkeiten kann er nicht Neues dazutun, wie das Feuer zu schüren und so weiter.
[ 4 ] Wenn wir uns die Tierseele klarmachen wollen, müssen wir von diesem Unterschied zur Menschenseele ausgehen. Ein weiterer Unterschied zwischen der Tier- und Menschenseele ist, daß Sie von jedem Menschen eine Biographie schreiben können, vom Tiere nicht. Das ist sehr wichtig. Fragen Sie sich über Ihr Interesse an den verschiedenen Wesen, so werden Sie finden, daß Sie dasselbe Interesse wie einem einzelnen Menschen bei den Tieren einer ganzen gleichgearteten Gruppe entgegenbringen. Stellen Sie sich einen Löwen vor, so empfinden Sie für den Löwengroßvater, -vater, -sohn, -enkel und so weiter genau dasselbe. Dem Menschen gegenüber würde Ihnen diese Auffassung geradezu als frivol erscheinen. Daß ein Hundebesitzer vielleicht behaupten wird, von seinem Hund eine Biographie schreiben zu können, sagt nichts. Sie können ja schließlich auch die Biographie einer Stahlfeder schreiben oder über die Unterschiede im Leben einer Stopfnadel und einer Nähnadel. Das ist nur ein übertragener Begriff. So stark sich die ganze tierische Art unterscheidet, so stark unterscheidet sich der einzelne individuelle Mensch. Eine gemeinsame Seele lebt in der ganzen Tiergruppe. Wie Ihre zehn Finger Glieder Ihrer Hand sind, so sind alle Wölfe Glieder der Wolfsgruppenseele.
[ 5 ] Nun müssen wir noch genauer auf die Menschenseele eingehen, die früher nicht so individualisiert war wie heute. An einem Punkte der Menschheitsentwickelung stand der Mensch der Gruppenseele viel näher. Tacitus gibt in seiner «Germania» hundert Jahre nach Christus ein Bild der einzelnen germanischen Völkergruppen. Da fühlten sich alle Glieder einer Gruppe zueinander gehörig, mit Unterschieden natürlich, denn alles in der Menschheitsentwickelung ist gradweise. Da sahen sich auch alle Angehörigen einer Gruppe gleich. Die ausgeprägt individuellen Physiognomien sind das Zeichen für die Entfernung der einzelnen Seele von der Gruppenseele. Bei den Wilden finden Sie noch heute mehr oder weniger die gleiche Physiognomie. Wir müssen diese Tatsache festhalten, daß die ausgeprägte Physiognomie der Beweis ist dafür, daß die Individualität gestaltend auf den Leib wirkt. Dies wird bei weiterentwickelten Menschengeschlechtern immer noch mehr ausgeprägt werden. Es wird eine Zeit kommen, wo der Volkscharakter ganz zurücktritt. Wird eine Seele einmal hier in dieser, einmal in jener Nation inkarniert, so verschwinden die Nationalunterschiede, da wird jeder nur immer wieder sich selbst gleich sehen, je mehr sich seine Individualität durchgearbeitet hat. Früher, als noch immer innerhalb eines Stammes geheiratet wurde, hielten die Glieder zusammen wie Finger einer Hand, rächte einer des andern Schmach, als sei sie ihm geschehen. Dieser Zusammenhalt verschwindet mehr und mehr, je größer der Bund, je allgemeiner der Menschenbund, desto individueller werden die Seelen und Charaktere. Es entsteht nicht etwa ein Mischmasch, sondern je mehr Unterschiede fallen, desto mehr Individualität.
[ 6 ] Wodurch unterscheiden sich nun die menschlichen Gruppenseelen von den tierischen? Wir müssen da weit in der Entstehungsgeschichte zurückgehen. Es gab eine Zeit, in der der Mensch noch nicht so lebte wie jetzt in seinen leiblichen Hüllen und dem geistigen Wesenskern. Ich meine die lemurische Zeit. Da waren die höchsten Wesen eine Art Menschentiere mit physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und der Anlage zum Ich, aber noch nicht mit dem Ich selber, Wesenheiten, die geeignet waren, den göttlichen Keim aufzunehmen. Die Seele, die heute in seinem Inneren lebt, war noch nicht dem Schoß der Gottheit entstiegen, sie lebte noch in einer Seelengeistesschicht. Denken Sie sich ein Wassergefäß mit tausend Tropfen, die ohne Trennung ineinander übergehen, eines bilden. Nehmen Sie tausend kleine Schwämmchen, von denen jedes einen Tropfen fassen kann, und tauchen Sie sie ein, so wird ein jedes erfüllt von einem Tropfen. So denken Sie sich, daß die menschlichen Hüllen den göttlichen Keim aufsaugen. Dadurch werden sie erst individuell, selbständig. Nun stellen Sie sich vor, daß anfangs die Seele nicht gleich in jedem einzelnen Wohnung nahm, sondern eine Seele sich auf viele Leiber verteilte, als Gruppenseele. Was heute im einzelnen wohnt, bewohnte damals einen ganzen Stamm. Und da müssen Sie einen neuen Begriff fassen. Solche Gruppenseele stirbt auch nicht. Die schöne bedeutsame Seite des Todes ist ein Spezifikum, ein Vorzug der individuellen menschlichen Seele. Wenn ein Teil aus einer Gruppenseele stirbt, so ersetzt er sich gleich wieder, wie der Fortsatz, den Sie einem Polypen abschneiden. So empfindet die Gruppenseele, die nicht auf den physischen Plan hinuntersteigt, den Tod als Abgang eines Gliedes, die Geburt als Nachwachsen eines solchen. Den Vorzug des Todes hat sie nicht. Erst wenn ein sinnliches Wesen sagt: Ich bin es -—, beginnt der Tod ins individuelle Leben einzugreifen. Durch den Tod erkämpft, erringt der Mensch sich sein höheres Leben. Würde nicht der Tod überwunden, so könnte er nicht durch ihn zu noch höherem Leben gelangen.
[ 7 ] Auf dem Astralplan finden wir die Seelen der Tiere, die mit jedem einzelnen ihrer Gruppe durch einen Faden verbunden sind. Um zu begreifen, wie tierische Gruppenseelen entstehen, müssen Sie sich klar darüber sein, was den Menschen zum physischen Wesen macht, wie es ist.
[ 8 ] Als die Gotteskeime herunterkamen, fanden sie die Träger sehr verschieden. Manche besonders ausgebildet zum Kampf, andere ähnlich gestaltet, aber mehr ausgebildet zur Arbeit, zur Geduld und so weiter. So daß die verschiedenen Körper in der mannigfaltigsten Ausbildung, auch in der äußeren Gestalt, verschieden wurden. Was heute an niederen Tieren, wie Insekten und anderen, existiert, das ist schon bei einer früheren Erdenverkörperung abgezweigt worden und für sich entstanden.
[ 9 ] Jetzt beschäftigen uns nur die Tiere von den Fischen aufwärts. Als das Heruntersteigen in den wartenden Leib geschah, der äußerlich, nicht innerlich, auf der Höhe ungefähr des Fischleibes stand, waren noch keine Säugetiere vorhanden. Der Mensch, der damals lebte, mußte sich halb schwimmend, halb schwebend fortbewegen und hatte dazu flossenartige Organe. Was an seinem Leib geschehen ist auf Erden, geschah durch die in ihm wohnende Menschenseele. Erst im Laufe langer Entwickelungen wurde dieser zu dem jetzigen gottähnlichen Leibe umgestaltet. Manches ist auf dem langen Wege stehengeblieben. Weil sich aber die Erde mittlerweile weiter verwandelte, wurde aus dem Stehenbleiben ein Abwärtsentwickeln der Leiber. Nehmen Sie als Beispiel zwei Geschwister: Eines wandelt sich um durch alle Lebensalter, das andere bleibt auf der Kindheitsstufe stehen. Mit sechzig Jahren schaut es aber dann nicht mehr so aus wie ein Kind. So sind die jetzigen Fische heruntergekommen und schauen anders aus als früher. Die Menschheit entwickelte sich weiter und gestaltete alles bis zum Säugetierleibe. Überall blieben wieder welche stehen, durch Dekadenz herabgekommene Menschen. Wenn Sie sich richtig hineinversetzen, werden Sie begreifen, daß alle Tiere auf der Jugendstufe gealtert sind, zu früh gealtert sind, feste Formen angenommen haben, die sie hätten überschreiten sollen: sie sind gleichsam in ihrer ganzen Entwickelung kristallisiert. Die Hinaufentwickelung brachte nun freilich den Menschen in bezug auf gewisse Eigenschaften in eine eigentümliche Lage. Er verlor die Sicherheit. Affen in Gefangenschaft werden bald von Tuberkulose und andern Krankheiten befallen. Tiere können die menschliche Lebensweise nicht vertragen. Sie haben auch in bezug auf Nahrung eine gewisse Sicherheit. Wenn eine Kuh über eine Wiese geht, weiß sie genau, welches Kraut ihr frommt. Der Mensch hat das nicht mehr. Er braucht die Unsicherheit, um zur freien Wahlbestimmung zu kommen. Die jetzige Unsicherheit ist notwendig zur Erreichung der Sicherheit auf einer höheren Stufe. Der Mensch paßt sich der höheren Stufe an. So ist das Unsicherwerden Garantie, daß der Mensch selbständig sein wird. Sicher geblieben ist, was nicht so weit gekommen ist, daß das Ich in der einzelnen Wesenheit arbeitet. Wir dürfen uns ebensowenig über die Tierweisheit wundern wie über die Weisheit unserer Hand. Der einzelne Biber ist bloß der Handlanger der Gruppenseele auf dem astralen Plan. Auf einer noch ganz andern Stufe als der Biber steht die Ameise, und uns viel ferner, weil sie sich schon auf dem viel früheren Planetendasein der Erde abgespalten hat. In ihrer einseitigen Richtung hat sie es noch weiter gebracht als der Mensch. Die Menschen denken, fühlen, wollen in fester Verbindung. Sehe ich etwas, was mir gefällt, so greife ich danach. Die Vorstellung bringt das Wollen hervor. Ohne dies Ineinandergreifen würde der Mensch sehr unsicher werden. Bei der spirituellen Schulung werden Wille, Vorstellung und Gefühl auseinandergerissen, müssen ganz getrennt werden. Für die allgemeine Menschheit wird das erst im Jupiterdasein der Erde erreicht werden. Aber bevor der Schüler dies erlebt, begegnet ihm der Hüter der Schwelle und gibt ihm Klarheit über sein ganzes bisheriges Leben.
[ 10 ] Dieses Zerfallen der Seelentätigkeit in die Dreiheit haben gewisse Tiergruppenseelen verfrüht durchgemacht. Tatsächlich sind einzelne Teile im Gehirn des Geistesschülers wie die Ameisen im Haufen differenziert. Die Ameise hat sich das verfrüht vorweggenommen und bleibt nun wie ein Kind unreif klug. Die Bibergruppenseele wird nachholen müssen, was sie versäumt hat, die Ameisenseele hat sich dies ein für allemal verscherzt und geht ganz andere Wege. Die Tierseelen sind einseitig gewordene Menschenseelen. Oken sagt: Die Zunge ist ein Tintenfisch. — Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Das Wesen aber, bei dem sich die Eigenschaften der Zunge zu sehr vorgedrängt haben, blieb dabei stehen. Paracelsus sagte die tiefen Worte: Wenn wir die Natur überschauen, sehen wir lauter einzelne Buchstaben, und das Wort, das sie bilden, ist der Mensch. All die verschiedenen Eigenschaften, die Sie im Menschen beisammen finden, denken Sie sich auf verschiedene Leiber verteilt, die jeweils zu einer Gruppenseele gehören. Tiere sind in der einseitigen Ausbildung ihrer Eigenschaften stehengebliebene Menschen. Der Mensch wurde Erfinder durch Verlust der Sicherheit. Das erste Element, das er in seinen Dienst zu stellen lernte, war das Feuer. Damit erklomm er die erste Stufe der Kultur, die ihn zum produktiven Wesen machte. Er ist eine Enzyklopädie der verschiedenen Tierseelen.
[ 11 ] Nun müssen Sie sich noch über einen Punkt klarwerden. Wenn Sie zu niederen Tieren gehen, werden Sie finden, daß diese nicht durch den Ton unmittelbar Leid und Freude ausdrücken können. Die Insekten geben zwar Geräusche von sich, das sind aber Körpergeräusche. Die okkulte Wissenschaft macht da ganz abgestufte Unterschiede zwischen den tönenden Tieren und den nichttönenden. Aber erst im Menschen wird der innerliche Ton zum Wort, zur Sprache. Auch die höchststehenden Tiere haben nur einseitig ausgebildete Laute. In späterer Zeit werden die tierischen Gruppenseelen, nicht die einzelnen Tiere, Menschen werden, aber in einer ganz andern Konstitution als die heutigen Menschen.
[ 12 ] Noch vor der Geisteswissenschaft fühlte dies Goethe und sprach es in seiner Metamorphose der Tiere wunderbar aus: sie seien wie ein auseinandergelegter Mensch. Die ganze Tierheit schaue aus der menschlichen Gestalt heraus. So sagt der Mensch, indem er auf alle tierischen Wesenheiten hinblickt: All dies in eins zusammengefaßt, bist du.
Fragenbeantwortung
Werden weitere Abspaltungen in der Menschheitsentwickelung kommen?
[ 13 ] Ja, und zwar ist es das, was in der Theosophie das Durchgehen durch die Krisis genannt wird. Wir stehen jetzt in der fünften Epoche. Die sechste Epoche wird ein ganz anderes Geschlecht sehen, edel und schön im Gegensatz zu der abgespaltenen Dekadenz, die aus einem Geschlecht abscheulich häßlicher, tierischer, sinnlicher, lasterhafter Menschen bestehen wird, viel mehr Abscheu erregender, als in der jetzigen Menschheit möglich ist, weil diese sich wieder hinunterentwickeln. Und wie die Teilung geschehen wird, das haben Sie ganz deutlich in der Apokalypse, im sogenannten «Jüngsten Gericht». Wer ganz selbstlos ist, der kann schon jetzt reif werden zum sechsten Zeitraum. Er mag zwar immer noch wieder verkörpert werden, aber dann nur, um den andern zu helfen. Manche werden vielleicht finden, daß das Gericht hart klingt, aber sie haben ja die Wahl. Verstehen Sie mich recht, nicht zur Wiederverkörperung, sondern ich meine zum sechsten Zeitraum.
Warum werden alte Leute geistig schwach, wenn sich doch die Seele nicht verändern kann?
[ 14 ] Die Seele verändert sich auch nicht. Sie steigt nie von ihrer einmal errungenen Stufe herunter, aber ihr Instrument ist schwach geworden. Es geht ihr so wie einem großen Klavierspieler, der auf einem schlechten Instrument nicht mehr so spielen kann wie früher.
[ 15 ] Sie werden sagen, die Seele kennt aber ihre Stufe selbst nicht mehr. Ja, die Seele sieht sich ja selbst nicht, solange sie im physischen Leibe ist. Da befindet sich überhaupt nur der Reflex der Seele, das Spiegelbild. Nun wird der Spiegel trübe oder zerbrochen, da kann er nicht mehr spiegeln. Erst der Geistesschüler nimmt seine Seele wirklich wahr.
