Anthroposophische Leitsätze
GA 26
2 March 1924
7. Die Arbeit in der Gesellschaft
[ 1 ] In meinen Vorträgen für die Anthroposophische Gesellschaft, die ich gegenwärtig am Goetheanum halte, suche ich die Grundfragen des menschlichen Seelenlebens zur Darstellung zu bringen. In den fünf «Leitsätzen», die bisher in diesem Mitteilungsblatte enthalten waren, ist der Gesichtspunkt gekennzeichnet, von ‘dem aus die Darstellung gegeben wird. Ich wollte der Grundforderung eines anthroposophischen Vortrages entsprechen. Der Zuhörer soll die Empfindung haben, daß Anthroposophie von dem spricht, was er bei voller Selbstbesinnung als ureigene Angelegenheit seiner Seele empfindet. Kann man für eine solche Darstellung die rechte Art finden, dann wird sich unter den Mitgliedern das Bewußtsein entwickeln: In der Anthroposophischen Gesellschaft wird der Mensch wirklich verstanden.
[ 2 ] Man trifft damit auf dasjenige, was für die Menschen, die Mitglieder werden, der treibende Impuls ist. Sie wollen eine Stätte finden, an der Menschenverständnis seine rechte Pflege findet.
[ 3 ] Man ist eigentlich schon auf dem Wege zur Anerkennung des Geisteswesens der Welt, wenn man ernstlich Menschenverständnis sucht. Denn man wird in diesem Suchen gewahr, daß die Naturerkenntnis in bezug auf den Menschen keine Aufschlüsse gibt, sondern nur Fragen erzeugt.
[ 4 ] In den anthroposophischen Darstellungen kommt nur Verwirrung zustande, wenn man die Seele von der Liebe zur Natur hinwegführen will. Nicht in der Geringschätzung dessen, was die Natur den Menschen offenbart, kann der Ausgangspunkt der anthroposophischen Betrachtung liegen. Naturverachtung, Abkehr von der Wahrheit, die in den Erscheinungen des Lebens und der Welt dem Menschen entgegenstrahlt, von der Schönheit, die in diesen Erscheinungen waltet, von den Aufgaben, die sie dem Menschenstreben stellen, kann nur zu einem Zerrbilde vom Geisteswesen führen.
[ 5 ] Ein solches Zerrbild wird immer einen persönlichen Charakter haben. Es wird, auch wenn es nicht bloß aus Träumen gewoben ist, doch wie das Träumen erlebt werden. Wenn der Mensch im wachen Dasein mit Menschen lebt, dann muß sein Streben auf Verständigung über Gemeinsames ausgehen. Was der eine behauptet, muß Bedeutung für den andern haben; was der eine erarbeitet, muß für den andern einen gewissen Wert haben. Die Menschen, die miteinander leben, müssen das Gefühl haben, daß sie in einer gemeinsamen Welt sind. Wenn der Mensch in seinen Träumen webt, dann löst er sich aus dieser gemeinsamen Welt heraus. Ein anderer Mensch in seiner unmittelbaren Nähe kann ganz andere Träume haben. Im Wachen haben die Menschen eine gemeinsame Welt; im Träumen hat ein jeder seine eigene.
[ 6 ] Anthroposophie sollte nicht aus dem Wachen in das Träumen, sondern in ein stärkeres Erwachen hineinführen. Im alltäglichen Leben ist zwar Gemeinsamkeit vorhanden; aber diese wird doch in engen Grenzen erlebt. Man ist da in ein Stück Dasein hineingebannt; man trägt die Sehnsucht nach dem vollen Leben nur im Herzen. Man fühlt, die Gemeinsamkeit des menschlichen Erlebens geht weiter als der Umkreis des alltäglichen Lebens. Und wie man von der Erde weg zur Sonne blicken muß, wenn man die allem Irdischen gemeinsame Quelle des Lichtes gewahr werden will, so muß man von der Sinnenwelt hinweg zum Geistes-Inhalt sich wenden, wenn man finden will, was aus dem echt Menschlichen heraus die Seele zur befriedigenden Menschengemeinschaft, zum vollen Erleben dieser Gemeinschaft führen kann.
[ 7 ] Da ist es denn leicht möglich, daß man sich vom Leben abwendet, statt in einem intensiveren Maße in dasselbe einzutreten.
[ 8 ] Und dieser Gefahr unterliegt der Naturverächter. Er wird in die Einsamkeit der Seele hineingetrieben, für die das natürliche Träumen ein Vorbild ist. Für menschliche Wahrheit, die zugleich Weltwahrheit ist, entwickelt man am besten den Sinn, wenn man diesen heranerzieht an derjenigen Wahrheit, die aus der Natur der Menschenseele entgegenleuchtet. Wer aber Naturwahrheit mit offenem, freiem Sinn in sich erlebt, der wird durch sie zur Geisteswahrheit hingeführt. Wer sich von der Schönheit, Größe und Erhabenheit der Natur durchdringt, in dem werden diese zur Quelle der Geistempfindung. Und wer sein Herz der stummen Naturgebärde öffnet, die jenseits von Gut und Böse in ewiger Unschuld sich offenbart, dem erschließt sich der Blick für die geistige Welt, die in die stumme Gebärde das lebendige Wort tönen läßt, das den Unterschied von Gut und Böse offenbart.
[ 9 ] Geistanschauung, die durch die Liebe zur Naturanschauung hindurchgegangen ist, bereichert das Leben um die wahren Schätze der Seele; Geistesträumen, das im Widerspruch mit der Naturanschauung sich entwickelt, verarmt das Menschenherz.
[ 10 ] Wer Anthroposophie im tiefsten Wesen durchdringt, wird, was in diesen Sätzen angedeutet ist, als den Gesichtspunkt empfinden, von dem in den anthroposophischen Darstellungen ausgegangen werden muß. Man wird durch solche Ausgangspunkte dasjenige berühren, von dem ein jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft sich sagt: darin liegt, was den wahren Grund meines Eintrittes in die Gesellschaft gebildet hat.
[ 11 ] Bei den Mitgliedern, die in der Gesellschaft tätig sein wollen, wird es nicht genügen, daß sie von dem hier Angedeuteten theoretisch überzeugt sind. Es wird das rechte Leben in ihre Überzeugung erst kommen, wenn sie ein warmes Interesse für alles entfalten, was in der Gesellschaft vorgeht. Durch das Erfahren dessen, was von den Persönlichkeiten, die in der Gesellschaft sind, erdacht und erlebt wird, werden sie die Wärme empfangen, die sie für ihre Arbeit in der Gesellschaft brauchen. Man muß viel Interesse für die andern Menschen haben, wenn man ihnen auf anthroposophische Art gegenübertreten will. Das Studium dessen, «was in der Gesellschaft vorgeht», muß die Unterlage für das Wirken in der Gesellschaft werden. Gerade diejenigen Mitglieder brauchen dieses Studium, die in der Gesellschaft tätig sein wollen.
Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden
[ 12 ] 6. Wenn man den Blick auf die leblose Natur wendet, so findet man eine Welt, die sich in gesetzmäßigen Zusammenhängen offenbart. Man sucht nach diesen Zusammenhängen und findet sie als den Inhalt der Naturgesetze. Man findet aber auch, daß durch diese Gesetze die leblose Natur sich mit der Erde zu einem Ganzen zusammenschließt. Man kann dann von diesem Erdenzusammenhang, der in allem Leblosen waltet, zu der Anschauung der lebendigen Pflanzenwelt übergehen. Man sieht, wie die außerirdische Welt aus den Weiten des Raumes die Kräfte hereinsendet, welche das Lebendige aus dem Schöße des Lebenslosen hervorholen. Man wird in dem Lebendigen das Wesenhafte gewahr, das sich dem bloß irdischen Zusammenhange entreißt und sich zum Offenbarer dessen macht, was aus den Weiten des Weltenraumes auf die Erde herunterwirkt. In der unscheinbarsten Pflanze wird man die Wesenheit des außerirdischen Lichtes gewahr, wie im Auge den leuchtenden Gegenstand, der vor diesem steht. In diesem Aufstieg der Betrachtung kann man den Unterschied des Irdisch-Physischen schauen, das im Leblosen waltet, und des Außerirdisch-Ätherischen, das im Lebendigen kraftet.
[ 13 ] 7. Man findet den Menschen mit seinem außerseelischen und außergeistigen Wesen in diese Welt des Irdischen und Außerirdischen hineingestellt. Sofern er in das Irdische, das das Leblose umspannt, hineingestellt ist, trägt er seinen physischen Körper an sich; sofern er in sich diejenigen Kräfte entwickelt, welche das Lebendige aus den Weltenweiten in das Irdische hereinzieht, hat er einen ätherischen oder Lebensleib. Diesen Gegensatz zwischen dem Irdischen und Ätherischen hat die Erkenntnisrichtung der neueren Zeit ganz unberücksichtigt gelassen. Sie hat gerade aus diesem Grunde über das Ätherische die unmöglichsten Anschauungen entwickelt. Die Furcht davor, sich in das Phantastische zu verlieren, hat davon abgehalten, von diesem Gegensatz zu sprechen. Ohne ein solches Sprechen kommt man aber zu keiner Einsicht in Mensch und Welt.
Fortsetzung in nächster Nummer.
