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Anthroposophische Leitsätze
GA 26

23 March 1924

10. Die Darstellung Anthroposophischer Wahrheiten

[ 1 ] In der Darstellung anthroposophischer Wahrheiten wird um so mehr Leben sein können, je mehr das Dargestellte in der mannigfaltigsten Art von den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet auftritt. Man sollte deshalb sich nicht scheuen, als tätiges Mitglied in der Gesellschaft, denselben Gegenstand in den Zweigversammlungen immer wieder zu behandeln. Aber man wird dabei nötig haben, an ihn von den verschiedensten Seiten heranzutreten. Durch die Art, sich zu den Fragen seiner Mitmenschen so zu verhalten, wie das in meinem letzten Briefe geschildert worden ist, wird man zu einer solchen Betrachtung wie von selbst hingeführt. Man lernt dabei die Lebendigkeit der anthroposophischen Einsichten erst recht kennen. Man fühlt, wie jedes Gedankenbild, in das man diese Einsichten gebracht hat, ein unvollkommenes sein muß. Man empfindet, daß, was man in der Seele trägt, unermeßlich viel reicher ist als dasjenige, was man im Gedanken aussprechen kann. Wird man dies mit immer größerer Deutlichkeit gewahr, dann steigert sich in der Seele die Ehrfurcht vor dem geistigen Leben. Und diese Ehrfurcht muß in aller anthroposophischen Darstellung walten. Sie muß einer der Grundtöne sein, welche diese Darstellung durchziehen. Wo diese Ehrfurcht fehlt, da ist in dem Besprechen anthroposophischer Wahrheiten keine Kraft.

[ 2 ] Man sollte diese Kraft nicht auf eine äußerliche Art in das Sprechen über Anthroposophie bringen wollen. Man sollte ihre Entwickelung dem lebendigen Gefühl überlassen, in dem man zu den Wahrheiten dadurch steht, daß man das Bewußtsein hat, man nähert sich mit ihrem Ergreifen in der Seele der wirklichen geistigen Welt. — Das gibt der Seele eine gewisse Stimmung. Sie fühlt sich für Augenblicke ganz hingegeben an die Gedanken von der geistigen Welt. In dieser Hingabe stellt sich die Ehrfurcht vor dem Geistigen auf ganz selbstverständliche Art ein.

[ 3 ] In der Entwickelung einer solchen Stimmung liegt der Anfang aller wahren Meditation. Wer eine solche Stimmung der Seele nicht lieben kann, der wird vergeblich die Regeln anwenden für die Erlangung von Erkenntnissen einer «geistigen Welt». Denn in dieser Stimmung wird das Geistige, das in den Tiefen der Menschenseele liegt, vor das Bewußtsein gerufen. Der Mensch vereinigt sich dadurch mit seiner eigenen Geisthaftigkeit. Und nur in dieser Vereinigung kann er das Geistige in der Welt finden. Nur der Geist im Menschen kann an den Geist der Welt herantreten.

[ 4 ] Nun werden die tätigen Mitglieder der Gesellschaft, bei denen andere Rat suchen, durch das Erwerben dieser Stimmungsmomente ihre Wahrnehmungsfähigkeit für dasjenige steigern, was der andere eigentlich will. Es wird dem Menschen oft schwer, sich über das deutlich auszusprechen, was seine Seele am allertiefsten bewegt. Deshalb wird der Gefragte nur allzuleicht an dem eigentlichen Bedürfnisse des Fragenden vorbeihören. Dann stellt sich bei diesem das berechtigte Gefühl ein, daß er über das Gewollte doch keine Antwort erhalten habe. Steht aber der Gefragte vor dem Fragenden in einer Seelenverfassung, die errungen ist durch innere Stimmungen von der beschriebenen Art, dann wird er dem Fragenden die Zunge lösen können. Dieser wird jenes wahre, intime Vertrauen zu dem Gefragten entwickeln, das der Mitteilung anthroposophischer Wahrheiten rechtes Leben gibt. Es wird sich in diese Mitteilung etwas hineinversetzen, das den, der die Antwort erhalten hat, von dieser aus dann selbständig seinen Weg in dem Verfolgen seiner geistigen Bedürfnisse gehen läßt. Er wird vielleicht das Gefühl haben, wenn auch die Antwort nicht alles enthalten hat, was er suchte, so werde er jetzt imstande sein, sich weiter zu helfen, Ein inneres Kraftgefühl wird sich in der Seele statt eines vorher vorhandenen Ohnmachtsgefühles einstellen. Und dieses Kraftgefühl hat der Fragende in Wahrheit gesucht.

[ 5 ] Man sollte nicht glauben, daß man ohne Gedanken, in bloßen Gefühlen die Antworten auf brennende Seelenfragen finden kann. Aber ein Gedanke, der sich in kalter Abgeschlossenheit gegenüber den Gefühlen entwickelt, findet nicht den Weg zu dem menschlichen Herzen. Man soll jedoch auch nicht die Furcht davor haben, daß das Gefühl der Objektivität des Gedankens schaden müsse. Das wird nur der Fall sein, wenn es nicht durch die beschriebene Stimmung den Weg zu der Geisthaftigkeit des Menschen gefunden hat.


Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

[ 6 ] 14. Die zweite Gestalt des «Ich», die in der Darstellung des dritten Leitsatzes 1Gemeint ist der dritte der vorangehenden Gruppe, hier der 13. Leitsatz. angedeutet worden ist, tritt als «Bild» dieses Ich auf. Durch das Gewahrwerden dieses Bildcharakters wird auch ein Licht geworfen auf die Gedankenwesenheit, in der das «Ich» vor dem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint. Man sucht durch allerlei Betrachtungen in dem gewöhnlichen Bewußtsein das «wahre Ich». Doch eine ernstliche Einsicht in die Erlebnisse dieses Bewußtseins zeigt, daß man in demselben dieses «wahre Ich» nicht finden kann; sondern daß da nur der gedankenhafte Abglanz, der weniger als ein Bild ist, aufzutreten vermag. Man wird von der Wahrheit dieses Tatbestandes erst recht erfaßt, wenn man fortschreitet zu dem «Ich» als Bild, das in dem Ätherleibe lebt. Und dadurch wird man erst richtig zu dem Suchen des Ich als der wahren Wesenheit des Menschen angeregt.

[ 7 ] 15. Die Einsicht in die Gestalt, in der das «Ich» im Astralleibe lebt, führt zu einer rechten Empfindung von dem Verhältnisse des Menschen zu der geistigen Welt. Diese Ich-Gestalt ist für das gewöhnliche Erleben in die dunklen Tiefen des Unbewußten getaucht. In diesen Tiefen tritt der Mensch mit der geistigen Weltwesenheit durch Inspiration in Verbindung. Nur ein ganz schwacher gefühlsmäßiger Abglanz von dieser in den Seelentiefen waltenden Inspiration aus den Weiten der geistigen Welt steht vor dem gewöhnlichen Bewußtsein.

[ 8 ] 16. Die dritte Gestalt des «Ich» gibt die Einsicht in die selbständige Wesenheit des Menschen innerhalb einer geistigen Welt. Sie regt die Empfindung davon an, daß der Mensch mit seiner irdisch-sinnlichen Natur nur als die Offenbarung dessen vor sich selber steht, was er in Wirklichkeit ist. Damit ist der Ausgangspunkt wahrer Selbsterkenntnis gegeben. Denn jenes Selbst, das den Menschen in seiner Wahrheit gestaltet, wird sich der Erkenntnis erst offenbaren, wenn er vom Gedanken des Ich zu dessen Bilde, von dem Bilde zu den schöpfenden Kräften dieses Bildes, und von da zu den geistigen Trägern dieser Kräfte fortschreitet.