Anthroposophical Guiding Principles
GA 26
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The Life, Nature, and Cultivation of Anthroposophy, tr. Adams 1963
11. Vom Anthroposophischen Lehren
11. On the Teaching of Anthroposophy
[ 1 ] Die Anregung, sich mit Anthroposophie zu beschäftigen, wird in den meisten Fällen davon herkommen, daß dem Menschen der Blick in die außermenschliche Welt zu einem Quell der Unbefriedigung wird, und er dadurch veranlaßt wird, die Betrachtung auf das eigene Menschenwesen zu lenken. Er ahnt, daß die Rätsel, welche das Leben aufgibt, nicht durch Hinausschauen in das Weltgetriebe, sondern durch Hineinblicken in das menschliche Innensein zur Aufhellung kommen. Das Streben nach Welterkenntnis verwandelt sich ihm in dasjenige nach Selbsterkenntnis.
[ 1 ] In most cases the stimulus to take up Anthroposophy will come from this: the looking out into the world external to man becomes a source of dissatisfaction, and the human being is thus impelled to turn his thoughts to his own human nature. He has a dim feeling that the riddles which life sets him cannot be illumined by looking out upon the restless working of the world, but rather by gazing into the inner life of man. Thus the striving for world-knowledge is changed into the striving for self-knowledge.
[ 2 ] Die in der Anthroposophischen Gesellschaft tätig sein wollenden Mitglieder werden auf dieses zu achten haben. Dann werden sie auf der einen Seite ihre Aufgabe in der rechten Art empfinden lernen. Sie werden aber auch die Gefahren erkennen lernen, die mit dieser Aufgabe verbunden sind.
[ 2 ] The members who wish to be active in the Anthroposophical Society will have to bear this in mind. Then, on the one hand, they will learn to have the right feeling for their task, while on the other hand they will recognise the dangers it involves.
[ 3 ] Streben nach Selbsterkenntnis treibt nur allzu oft, wenn sie irregeleitet ist, zu einer besonderen Form des Egoismus. Der Mensch kann sich selbst zu wichtig nehmen und dadurch das Interesse für alles verlieren, was sich außer ihm abspielt. Jedes rechte Streben kann eben, wenn es in Einseitigkeit verfällt, in die Irre gehen.
[ 3 ] Only too often the striving for self-knowledge, if wrongly led, grows into a special form of selfishness. Man may take himself too seriously and thereby lose interest in all that goes on outside him. In fact, every right striving can lead astray if it becomes one-sided.
[ 4 ] Man kommt überhaupt zu keiner Weltanschauung, wenn man diese nicht durch eine Menschen-Anschauung sucht. Denn die uralte Wahrheit, daß der Mensch ein Mikrokosmos, eine wahre «kleine Welt» ist, wird sich immer auch als die allerneueste erweisen. Der Mensch birgt in seinem eigenen Wesen alle Rätsel und Geheimnisse der «großen Welt», des Makrokosmos.
[ 4 ] One can reach no real conception of the world if one does not seek it by a perception of Man. For the most ancient truth that Man is a microcosm — a true world in miniature — will again and again be the most newly discovered. Man has all the secrets and the riddles of the great world, the macrocosm, concealed in his own nature.
[ 5 ] Erfaßt man dieses in rechter Art, so wird jeder Blick in das Menschen-Innere die Aufmerksamkeit auf die außermenschliche Welt lenken. Und Selbsterkenntnis wird das Tor zur Welterkenntnis werden. Erfaßt man es in irriger Art, so wird man sich mit der Selbstbetrachtung in das eigene Wesen einsperren und die Anteilnahme für die Welt verlieren.
[ 5 ] If we take this in the right sense, then every time we look into our inner human being, our attention will be directed to the world outside us. Self-knowledge will become the door to world-knowledge. But if we take it in the wrong sense, our study of ourselves will become an imprisonment, and we shall lose our feeling for the world.
[ 6 ] Das letztere darf durch die Anthroposophie nicht geschehen. Sonst wird die Klage nicht verstummen, die man von vielen in die Anthroposophische Gesellschaft Neu-Eintretenden hören kann: ach, wie egoistisch denken doch die Anthroposophen.
[ 6 ] This must never happen in Anthroposophy. Otherwise the complaint, ‘How selfish, after all, are the thoughts of anthroposophists!’ which we hear from so many who newly enter the Society, will not be silenced.
[ 7 ] Wer sich selbst kennen lernen will, der sollte durch das, was er in dieser Selbsterkenntnis erwirbt, den Blick schärfen können zunächst dafür, wie alles, was an ihm ist, ihm auch in dem andern Menschen entgegentritt. Man empfindet, was der Mitmensch erlebt, wenn man ein ähnliches in sich selbst erlebt hat. Solange dieses Selbst-Erleben fehlt, geht man an dem Erleben des andern vorüber, ohne es in der richtigen Weise zu sehen. Aber es kann das Fühlen auch durch das eigene Erleben so gefesselt werden, daß es für den andern nichts mehr übrig behält.
[ 7 ] If a man strives to know himself, what he gains in self-knowledge should first quicken his vision to perceive how all that is there in himself meets him too in his fellow-men. We can feel what another man is undergoing if we have experienced the like in ourselves. So long as our own experience is lacking, we pass over the experience of another without really seeing it. Yet on the other hand our feeling may become so fettered by our own experience that we have none left for our fellow-men.
[ 8 ] Die in der Gesellschaft tätigen Mitglieder werden ihr Wirken nach dieser Richtung zu einem förderlichen machen, wenn sie nur acht geben wollen auf die Gefahren, die da lauern. Sie werden dann verhindern, daß Selbsterkenntnis in Selbstliebe ausartet. Sie werden vielmehr ihrem Wirken den Ton verleihen, der die Selbst-Erkenntnis in die MenschenLiebe hinüberleitet. Und wer Interesse für den andern Menschen entwickelt, der wird es auch an Interesse für die Welt im allgemeinen nicht fehlen lassen.
[ 8 ] If they will pay heed to these dangers, members who are active in the Society will make their activity in this direction right and helpful. They will prevent self-knowledge from degenerating into self-love. Rather will they come to work in that spirit which leads self-knowledge over into human love and sympathy. And once a man has an interest in his fellow-men, he will certainly not lack an interest in the world in general.
[ 9 ] Ich habe Freunden, die von mir zu irgendeiner Gelegenheit einen Gedenkspruch forderten, oft den folgenden gegeben:
[ 9 ] When friends have asked me for an autograph I have often given them the following:
Willst du das eigene Wesen erkennen,
Sieh dich in der Welt nach allen Seiten um.
Willst du die Welt wahrhaft durchschauen,
Blick in die Tiefen der eignen Seele.
If thou wouldst know thine own being,
Look round thee on all sides in the world;
If thou wouldst truly see and understand the world
Gaze into the depths of thine own soul.
[ 10 ] In der Orientierung, welche dieser Spruch gibt, muß der Vortrag anthroposophischer Erkenntnisse sich halten. Dann wird vermieden werden, daß durch das Besprechen des menschlichen Innenwesens das egoistische Sich-Hineinspinnen in das eigene Wesen zu stark angefacht wird.
[ 10 ] The teaching of anthroposophical knowledge must always be in the spirit of this saying. Then we shall avoid the danger above-mentioned, and our discussion of the inner being of man will not give rise to self-absorption.
[ 11 ] Es wirkt in der Tat abstoßend, wenn der Neu-Eintretende an den Anthroposophen nur bemerken kann, wie sich diese nur mit sich selbst beschäftigen wollen. Man wird gewahr, wie Menschen, die eine Zeitlang Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gewesen sind, bei jeder Gelegenheit darüber jammern, daß ihnen das Leben keine Zeit läßt, sich in die Anthroposophie recht zu vertiefen. Besonders häufig findet man das bei solchen Menschen, die ihr Tätigkeitsfeld innerhalb der anthroposophischen Bewegung selbst gefunden haben. Ihnen wird leicht die Arbeit zuviel, weil sie meinen, sie werden durch sie von der Meditation, von dem Lesen anthroposophischer Schriften und so weiter abgehalten. Aber durch die Liebe zur anthroposophischen Erkenntnis darf nicht die freudige Hingabe an die Notwendigkeiten des Lebens gestört werden. Ist das der Fall, so wird die Beschäftigung mit der Anthroposophie auch nicht die rechte Wärme haben können; sie wird zum kalten Egoismus ausarten.
[ 11 ] It certainly has a repellent effect on the newcomer if the first thing that strikes him in anthroposophists is that they always want to be concerned with themselves. One will sometimes find people who have been members of the Anthroposophical Society for a certain time, perpetually complaining that their life gives them no time or opportunity really to go into Anthroposophy. We have found this most often among those who have made the Anthroposophical Movement itself their life-work. They feel themselves over-burdened with the external work, imagining that this prevents them from meditation, from the reading of anthroposophical literature and so on. But the love of anthroposophical knowledge must not prevent our glad devotion to the needs of life. If it does so, our work in Anthroposophy will never have the true warmth it needs, but will degenerate into cold selfishness.
[ 12 ] Sich stark mit dieser Erkenntnis zu durchdringen, wird eine Aufgabe für die in der Gesellschaft tätig sein wollenden Mitglieder sein müssen. Dann werden sie den Ton für ihr Wirken finden können, der Gefahren aus dem Felde schlägt, die sich leicht einstellen können.
[ 12 ] It will be necessary for those members who wish to be active in the Society to permeate themselves most fully with this insight. Then they will be able to strike that note in their work which will conquer dangers that can so easily arise.
Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden
Anthroposophical Leading Thoughts given out as suggestions from the Goetheanum 1Supplemented from the volume Anthroposophical Leading Thoughts (1973) by the same translator.
[ 13 ] 17. Der Mensch ist ein Wesen, das in der Mitte zwischen zwei Weltgebieten sein Leben entfaltet. Er ist mit seiner Leibes-Entwickelung in eine «untere Welt» eingegliedert; er bildet mit seiner Seelen-Wesenheit eine «mittlere Welt», und er strebt mit seinen Geisteskräften nach einer «oberen Welt» hin. Seine Leibes-Entwickelung hat er von dem, was ihm die Natur gegeben hat; seine Seelen-Wesenheit trägt er als seinen eigenen Anteil in sich; die Geisteskräfte findet er in sich als die Gaben, die ihn über sich selbst hinausführen zur Anteilnahme an einer göttlichen Welt.
[ 13 ] 17. Man is a being who unfolds his life in the midst, between two regions of the world. With his bodily development he is a member of a ‘lower world’; with his soul-nature he himself constitutes a ‘middle world’; and with his faculties of Spirit he is ever striving towards an ‘upper world.’ He owes his bodily development to all that Nature has given him; he bears the being of his soul within him as his own portion; and he discovers in himself the forces of the Spirit, as the gifts that lead him out beyond himself to participate in a Divine World.
[ 14 ] 18. Der Geist ist in diesen drei Weltgebieten schaffend. Die Natur ist nicht geistlos. Man verliert erkennend auch die Natur, wenn man in ihr den Geist nicht gewahr wird. Aber man wird allerdings innerhalb des Naturdaseins den Geist wie schlafend finden. So wie aber der Schlaf im Menschenleben seine Aufgabe hat und das «Ich» eine gewisse Zeit schlafen muß, um zu einer ändern recht wach zu sein, so muß der Weltengeist an der «Natur-Stelle» schlafen, um an einer ändern recht wach zu sein.
[ 14 ] 18. The Spirit is creative in these three regions of the World. Nature is not void of Spirit. We lose even Nature from our knowledge if we do not become aware of the Spirit within her. Nevertheless, in Nature's existence we find the Spirit as it were asleep. Yet just as sleep has its task in human life—as the ‘I’ must be asleep at one time in order to be the more awake at another—so must the World-Spirit be asleep where Nature is, in order to be the more awake elsewhere.
[ 15 ] 19. Der Welt gegenüber ist die Menschenseele ein träumendes Wesen, wenn sie nicht auf den Geist achtet, der in ihr wirkt. Dieser weckt die im eigenen Innern webenden Seelenträume zur Anteilnahme an der Welt, aus welcher des Menschen wahres Wesen stammt. Wie sich der Träumende vor der physischen Umwelt verschließt und in das eigene Wesen einspinnt, so müßte die Seele ihren Zusammenhang mit dem Geiste der Welt verlieren, aus dem sie stammt, wenn sie die Weckrufe des Geistes in sich selbst nicht hören wollte.
[ 15 ] 19. In relation to the World, the soul of man is like a dreamer if it does not pay heed to the Spirit at work within it. The Spirit awakens the dreams of the soul from their ceaseless weaving in the inner life, to active participation in the World where man's true Being has its origin. As the dreamer shuts himself off from the surrounding physical world and entwines himself into himself, so would the soul lose connection with the Spirit of the World in whom it has its source, if it turned a deaf ear to the awakening calls of the Spirit within it.
