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Anthroposophical Guiding Principles
GA 26

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6. Erkenntnisstreben und Wille zur Selbstzucht

6. The Pursuit of Knowledge and the Will to Self-discipline

[ 1 ] In der Anthroposophischen Gesellschaft treten die Menschen einander näher, als sie dies tun würden, wenn sie sich auf einem andern Lebensfelde begegnen würden. Das gemeinsame Interesse für das geistige Weltwesen schließt die Seelen auf. Es erscheint für den einen bedeutsam, was der andere in seinem Streben nach dem Geistigen innerlich erlebt. Der Mensch wird mitteilsam, wenn er weiß, er steht einem Mitmenschen gegenüber, der für das Innerste, das die Seele bewegt, ein aufmerksames Gehör hat.

[ 1 ] In the Anthroposophical Society, people come closer to one another than they would if they met in other areas of life. Their shared interest in the spiritual world opens their souls. What one person experiences inwardly in their pursuit of the spiritual becomes meaningful to another. People become communicative when they know they are facing a fellow human being who has an attentive ear for what moves the soul most deeply.

[ 2 ] Dadurch bildet es sich wie von selbst, daß die Mitglieder der Gesellschaft anderes und dieses andere auch anders aneinander beobachten als andere Menschen. Das aber schließt zugleich eine Gefahr in sich. Man lernt einander schätzen, indem man sich trifft. Man hat die innigste Freude an der Seelenäußerung des andern. Alle edlen Wirkungen des freundschaftlichen Zusammenseins können sich rasch entfalten. Es legt nahe, daß diese Wirkungen sich rasch zur Schwärmerei steigern können. Man sollte einer solchen Schwärmerei, trotzdem sie ihre Schattenseiten hat, nicht nur das kalte, nüchterne Philisterherz oder die überlegene Weltmenschenhaltung entgegenbringen. Schwärmerei, die sich zur harmonischen Seelenhaltung durchgerungen hat, ist geist-erschließender als ein Gleichmaß, das an allen bedeutsamen Lebensoffenbarungen mit starrer Haltung vorbeigeht.

[ 2 ] As a result, it goes without saying that the members of the Society observe each other differently than other people do. But this also carries a danger. People learn to appreciate each other by meeting. They take the deepest joy in the expression of each other's souls. All the noble effects of friendly togetherness can quickly unfold. It stands to reason that these effects can quickly escalate into enthusiasm. Despite its downsides, such enthusiasm should not be met with a cold, sober philistine heart or a superior cosmopolitan attitude. Enthusiasm that has developed into a harmonious state of mind is more spiritually enlightening than a uniformity that rigidly ignores all significant revelations of life.

[ 3 ] Es können aber leicht Menschen, die einander rasch nahe kommen, sich ebenso rasch wieder voneinander entfernen. Hat man den andern genau kennen gelernt, weil er sich voll aufgeschlossen hat, so bemerkt man auch bald seine Schwächen. Und dann kann die — negative Schwärmerei auftreten. Und diese Gefahr ist in der Anthroposophischen Gesellschaft eine überall herumschleichende. Gegen sie zu wirken, gehört zu den Aufgaben der Gesellschaft. Innere Toleranz gegen den andern sollte daher jeder im Tiefsten seiner Seele anstreben, der rechtes Mitglied der Gesellschaft sein will. Den andern verstehen lernen auch da, wo er Dinge denkt und tut, die man nicht selber denken und tun möchte, das sollte ein Ideal darstellen.

[ 3 ] However, people who quickly become close to one another can just as quickly drift apart again. Once you have gotten to know the other person well because they have opened up completely, you will soon notice their weaknesses. And then negative enthusiasm can arise. This danger lurks everywhere in the Anthroposophical Society. Counteracting it is one of the tasks of the Society. Anyone who wants to be a true member of the Society should therefore strive for inner tolerance toward others in the depths of their soul. Learning to understand others even when they think and do things that you yourself would not want to think and do should be an ideal.

[ 4 ] Es braucht dies nicht gleichbedeutend zu sein mit der Urteilslosigkeit gegenüber Schwächen und Fehlern. Verstehen ist etwas anderes als Sich-blind-machen. Man kann zu einem Menschen, den man liebt, von dessen Verfehlungen reden: er wird in vielen Fällen darin den schönsten Freundschaftsdienst sehen. Man kann aber auch mit der Empfindung des gleichgültigen Richters den andern abkanzeln: er prallt zurück vor der Verständnislosigkeit und tröstet sich mit dem Haßgefühle, das in ihm gegenüber dem Kritiker aufdämmert.

[ 4 ] This does not have to be synonymous with a lack of judgment regarding weaknesses and mistakes. Understanding is not the same as turning a blind eye. You can talk to someone you love about their mistakes: in many cases, they will see this as the greatest act of friendship. But you can also rebuke others with the attitude of an indifferent judge: they will recoil from your lack of understanding and console themselves with the feeling of resentment that dawns in them toward their critic.

[ 5 ] Es kann in vieler Beziehung in der Anthroposophischen Gesellschaft verhängnisvoll werden, wenn die Intoleranz und Verständnislosigkeit gegenüber andern Menschen in sie in der Form hineingetragen werden, in der sie gegenwärtig in weitem Umfange das Leben beherrschen. Denn durch das Nahe-Stehen der Menschen steigern sie sich innerhalb der Gesellschaft.

[ 5 ] In many respects, it can be disastrous for the Anthroposophical Society if intolerance and lack of understanding toward other people are brought into it in the form in which they currently dominate life to a large extent. For through the closeness of people, they intensify within the society.

[ 6 ] Das sind Dinge, die stark darauf hinweisen, wie das lebendigere Erkenntnisstreben in der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig begleitet sein muß von dem Ringen nach einer Veredelung des Gefühlsund Empfindungslebens. Das verstärkte Erkenntnisstreben vertieft das Seelenleben nach der Region hin, wo Hochmut, Selbstüberschätzung, Teilnahmslosigkeit mit andern Menschen und noch vieles andere lauern. Ein minderes Erkenntnisstreben greift auch nur schwach in diese Region ein. Es läßt sie in den Tiefen der Seele schlafen. Ein regsames Erkenntnisleben stört sie aus ihrem Schlafe auf. Gewohnheiten, die sie niedergehalten haben, verlieren ihre Kraft. Das Ideal, das auf Geistiges sich richtet, kann Seeleneigenschaften erwecken, die ohne dieses Ideal nicht offenbar geworden wären. Die Anthroposophische Gesellschaft sollte dazu da sein, durch die Pflege edlen Gefühls- und Empfindungslebens Gefahren entgegenzuwirken, die da lauern. Es gibt Instinkte in der Menschennatur, die zur Furcht vor der Erkenntnis treiben, weil sie solche Zusammenhänge wittern. Wer aber sein Erkenntnisstreben deshalb schlummern läßt, weil durch dessen Pflege seine häßlichen Gefühle aufgerührt werden, der verzichtet auch darauf, den vollen Umfang des wahren Menschen in sich zu entwickeln. Es ist menschenunwürdig, die Einsicht zu lähmen, weil man sich vor der Charakterschwäche fürchtet. Es kann allein menschenwürdig sein, mit dem Erkenntnisstreben auch das nach dem Willen zur Selbstzucht zu verbinden.

[ 6 ] These are things that strongly indicate how the more lively pursuit of knowledge in the Anthroposophical Society must necessarily be accompanied by the struggle for a refinement of the life of feeling and sensation. The intensified pursuit of knowledge deepens the soul life toward the region where arrogance, overconfidence, indifference to other people, and much else lurk. A lesser pursuit of knowledge has only a weak effect on this region. It leaves it sleeping in the depths of the soul. An active life of knowledge awakens it from its slumber. Habits that have held it down lose their power. The ideal that is directed toward the spiritual can awaken qualities of the soul that would not have become apparent without this ideal. The Anthroposophical Society should be there to counteract the dangers that lurk there by cultivating a noble life of feeling and sensation. There are instincts in human nature that drive people to fear knowledge because they sense such connections. But those who allow their striving for knowledge to lie dormant because cultivating it stirs up their ugly feelings also renounce developing the full scope of the true human being within themselves. It is unworthy of human beings to paralyze their insight because they fear weakness of character. It can only be human to combine the pursuit of knowledge with the will to self-discipline.

[ 7 ] Und durch die Anthroposophie kann man das. Man muß nur auf die Lebendigkeit ihrer Gedanken kommen. Diese Lebendigkeit macht, daß sie auch Kraft im Willen, Wärme in Gefühl und Empfindung erzeugen können. Es liegt durchaus an dem Menschen, ob er die Anthroposophie bloß vorstellt, oder ob er sie erlebt.

[ 7 ] And through anthroposophy, one can do this. One only has to discover the vitality of its ideas. This vitality means that they can also generate strength in the will and warmth in feelings and sensations. It is entirely up to the individual whether they merely imagine anthroposophy or whether they experience it.

[ 8 ] Und es wird an den tätig auftretenden Mitgliedern der Gesellschaft liegen, ob durch die Art, wie sie Anthroposophie entwickeln, nur Gedanken angeregt werden können, oder ob Leben entzündet wird.

[ 8 ] And it will be up to the active members of the society whether the way they develop anthroposophy merely stimulates thoughts or whether it ignites life.



Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

Further Leading Thoughts issued from the Goetheanum for the Anthroposophical Society

[ 9 ] 4. Der Mensch braucht zur Sicherheit in seinem Fühlen, zur kraftvollen Entfaltung seines Willens eine Erkenntnis der geistigen Welt. Denn er kann die Größe, Schönheit, Weisheit der natürlichen Welt im größten Umfange empfinden: diese gibt ihm keine Antwort auf die Frage nach seinem eigenen Wesen. Dieses eigene Wesen hält die Stoffe und Kräfte der natürlichen Welt so lange in der lebend-regsamen Menschengestalt zusammen, bis der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. Dann übernimmt die Natur diese Gestalt. Sie kann dieselbe nicht zusammenhalten, sondern nur auseinandertreiben. Die große, schöne, weisheitsvolle Natur gibt wohl Antwort auf die Frage : wie wird die Menschengestalt aufgelöst, nicht aber, wie wird sie zusammengehalten. Kein theoretischer Einwand kann diese Frage aus der empfindenden Menschenseele, wenn diese sich nicht selbst betäuben will, auslöschen. Ihr Vorhandensein muß die Sehnsucht nach geistigen Wegen der Welterkenntnis unablässig in jeder Menschenseele, die wirklich wach ist, regsam erhalten.

[ 9 ] 4. For certainty of feeling and for a strong unfolding of his will, man needs a knowledge of the spiritual world. However widely he may feel the greatness, beauty and wisdom of the natural world, this world gives him no answer to the question of his own being. His own being holds together the materials and forces of the natural world in the living and sensitive form of man until the moment when he passes through the gate of death. Then Nature receives this human form, and Nature cannot hold it together; she can but dissolve and disperse it. Great, beautiful, wisdom-filled Nature does indeed answer the question, How is the human form dissolved and destroyed? but not the other question, How is it maintained and held together? No theoretical objection can dispel this question from the feeling soul of man, unless indeed he prefers to lull himself to sleep. The presence of this question must incessantly maintain alive, in every human soul that is really awake, the longing for spiritual paths of World-knowledge.

[ 10 ] 5. Der Mensch braucht zur inneren Ruhe die Selbst-Erkenntnis im Geiste. Er findet sich selbst in seinem Denken, Fühlen und Wollen. Er sieht, wie Denken, Fühlen und Wollen von dem natürlichen Menschenwesen abhängig sind. Sie müssen in ihren Entfaltungen der Gesundheit, Krankheit, Kräftigung und Schädigung des Körpers folgen. Jeder Schlaf löscht sie aus. Die gewöhnliche Lebenserfahrung weist die denkbar größte Abhängigkeit des menschlichen Geist-Erlebens vom Körper-Dasein auf. Da erwacht in dem Menschen das Bewußtsein, daß in dieser gewöhnlichen Lebenserfahrung die Selbst-Erkenntnis verloren gegangen sein könne. Es entsteht zunächst die bange Frage: ob es eine über die gewöhnliche Lebenserfahrung hinausgehende Selbst-Erkenntnis und damit die Gewißheit über ein wahres Selbst geben könne? Anthroposophie will auf der Grundlage sicherer Geist-Erfahrung die Antwort auf diese Frage geben. Sie stützt sich dabei nicht auf ein Meinen oder Glauben, sondern auf ein Erleben im Geiste, das in seiner Wesenheit so sicher ist wie das Erleben im Körper.

[ 10 ] 5. For peace in his inner life, man needs Self-knowledge in the Spirit. He finds himself in his Thinking, Feeling and Willing. He sees how Thinking, Feeling and Willing are dependent on the natural man. In all their developments, they must follow the health and sickness, the strengthening and weakening of the body. Every sleep blots them out. Thus the experience of everyday life shows the spiritual consciousness of man in the greatest imaginable dependence on his bodily existence. Man suddenly becomes aware that in this realm of ordinary experience Self-knowledge may be utterly lost—the search for it a vain quest. Then first the anxious question arises: Can there be a Self-knowledge transcending the ordinary experiences of life? Can we have any certainty at all, as to a true Self of man? Anthroposophy would fain answer this question on a firm basis of spiritual experience. In so doing it takes its stand, not on any opinion or belief, but on a conscious experience in the Spirit—an experience in its own nature no less certain than the conscious experience in the body.

Fortsetzung in nächster Nummer.

Continued in the next issue.