Anthroposophical Guiding Principles
GA 26
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Anthroposophical Guiding Principles, tr. SOL
7. Die Arbeit in der Gesellschaft
7. Work in the Society
[ 1 ] In meinen Vorträgen für die Anthroposophische Gesellschaft, die ich gegenwärtig am Goetheanum halte, suche ich die Grundfragen des menschlichen Seelenlebens zur Darstellung zu bringen. In den fünf «Leitsätzen», die bisher in diesem Mitteilungsblatte enthalten waren, ist der Gesichtspunkt gekennzeichnet, von ‘dem aus die Darstellung gegeben wird. Ich wollte der Grundforderung eines anthroposophischen Vortrages entsprechen. Der Zuhörer soll die Empfindung haben, daß Anthroposophie von dem spricht, was er bei voller Selbstbesinnung als ureigene Angelegenheit seiner Seele empfindet. Kann man für eine solche Darstellung die rechte Art finden, dann wird sich unter den Mitgliedern das Bewußtsein entwickeln: In der Anthroposophischen Gesellschaft wird der Mensch wirklich verstanden.
[ 1 ] In my lectures for the Anthroposophical Society, which I am currently giving at the Goetheanum, I seek to present the fundamental questions of human soul life. The five “guiding principles” that have been included in this newsletter so far characterize the point of view from which the presentation is given. I wanted to meet the basic requirement of an anthroposophical lecture. The listener should have the feeling that anthroposophy speaks of what he feels, in full self-reflection, to be a matter of his own soul. If the right way of presenting this can be found, then the members will develop the awareness that the Anthroposophical Society truly understands the human being.
[ 2 ] Man trifft damit auf dasjenige, was für die Menschen, die Mitglieder werden, der treibende Impuls ist. Sie wollen eine Stätte finden, an der Menschenverständnis seine rechte Pflege findet.
[ 2 ] This is what drives people to become members. They want to find a place where human understanding is properly cultivated.
[ 3 ] Man ist eigentlich schon auf dem Wege zur Anerkennung des Geisteswesens der Welt, wenn man ernstlich Menschenverständnis sucht. Denn man wird in diesem Suchen gewahr, daß die Naturerkenntnis in bezug auf den Menschen keine Aufschlüsse gibt, sondern nur Fragen erzeugt.
[ 3 ] One is actually already on the path to recognizing the spiritual nature of the world when one seriously seeks understanding of the human being. For in this search, one becomes aware that knowledge of nature does not provide any insights into the human being, but only raises questions.
[ 4 ] In den anthroposophischen Darstellungen kommt nur Verwirrung zustande, wenn man die Seele von der Liebe zur Natur hinwegführen will. Nicht in der Geringschätzung dessen, was die Natur den Menschen offenbart, kann der Ausgangspunkt der anthroposophischen Betrachtung liegen. Naturverachtung, Abkehr von der Wahrheit, die in den Erscheinungen des Lebens und der Welt dem Menschen entgegenstrahlt, von der Schönheit, die in diesen Erscheinungen waltet, von den Aufgaben, die sie dem Menschenstreben stellen, kann nur zu einem Zerrbilde vom Geisteswesen führen.
[ 4 ] In anthroposophical descriptions, confusion only arises when one tries to lead the soul away from the love of nature. The starting point of anthroposophical consideration cannot lie in contempt for what nature reveals to human beings. Contempt for nature, turning away from the truth that shines forth to human beings in the phenomena of life and the world, from the beauty that reigns in these phenomena, from the tasks they set for human striving, can only lead to a distorted image of the spiritual being.
[ 5 ] Ein solches Zerrbild wird immer einen persönlichen Charakter haben. Es wird, auch wenn es nicht bloß aus Träumen gewoben ist, doch wie das Träumen erlebt werden. Wenn der Mensch im wachen Dasein mit Menschen lebt, dann muß sein Streben auf Verständigung über Gemeinsames ausgehen. Was der eine behauptet, muß Bedeutung für den andern haben; was der eine erarbeitet, muß für den andern einen gewissen Wert haben. Die Menschen, die miteinander leben, müssen das Gefühl haben, daß sie in einer gemeinsamen Welt sind. Wenn der Mensch in seinen Träumen webt, dann löst er sich aus dieser gemeinsamen Welt heraus. Ein anderer Mensch in seiner unmittelbaren Nähe kann ganz andere Träume haben. Im Wachen haben die Menschen eine gemeinsame Welt; im Träumen hat ein jeder seine eigene.
[ 5 ] Such a distorted image will always have a personal character. Even if it is not woven solely from dreams, it will still be experienced as dreaming. When people live with other people in their waking existence, their striving must be directed toward understanding what they have in common. What one person asserts must have meaning for another; what one person works out must have a certain value for another. People who live together must feel that they are in a shared world. When people weave in their dreams, they detach themselves from this shared world. Another person in their immediate vicinity may have completely different dreams. When awake, people share a common world; when dreaming, each has their own.
[ 6 ] Anthroposophie sollte nicht aus dem Wachen in das Träumen, sondern in ein stärkeres Erwachen hineinführen. Im alltäglichen Leben ist zwar Gemeinsamkeit vorhanden; aber diese wird doch in engen Grenzen erlebt. Man ist da in ein Stück Dasein hineingebannt; man trägt die Sehnsucht nach dem vollen Leben nur im Herzen. Man fühlt, die Gemeinsamkeit des menschlichen Erlebens geht weiter als der Umkreis des alltäglichen Lebens. Und wie man von der Erde weg zur Sonne blicken muß, wenn man die allem Irdischen gemeinsame Quelle des Lichtes gewahr werden will, so muß man von der Sinnenwelt hinweg zum Geistes-Inhalt sich wenden, wenn man finden will, was aus dem echt Menschlichen heraus die Seele zur befriedigenden Menschengemeinschaft, zum vollen Erleben dieser Gemeinschaft führen kann.
[ 6 ] Anthroposophy should not lead from wakefulness into dreaming, but into a stronger awakening. There is commonality in everyday life, but it is experienced within narrow limits. One is bound to a piece of existence; one carries the longing for a full life only in one's heart. One feels that the commonality of human experience extends beyond the sphere of everyday life. And just as one must look away from the earth toward the sun if one wants to perceive the source of light common to all earthly things, so one must turn away from the sensory world toward the content of the spirit if one wants to find what, out of genuine humanity, can lead the soul to a satisfying human community, to the full experience of this community.
[ 7 ] Da ist es denn leicht möglich, daß man sich vom Leben abwendet, statt in einem intensiveren Maße in dasselbe einzutreten.
[ 7 ] It is then easy to turn away from life instead of entering into it more intensely.
[ 8 ] Und dieser Gefahr unterliegt der Naturverächter. Er wird in die Einsamkeit der Seele hineingetrieben, für die das natürliche Träumen ein Vorbild ist. Für menschliche Wahrheit, die zugleich Weltwahrheit ist, entwickelt man am besten den Sinn, wenn man diesen heranerzieht an derjenigen Wahrheit, die aus der Natur der Menschenseele entgegenleuchtet. Wer aber Naturwahrheit mit offenem, freiem Sinn in sich erlebt, der wird durch sie zur Geisteswahrheit hingeführt. Wer sich von der Schönheit, Größe und Erhabenheit der Natur durchdringt, in dem werden diese zur Quelle der Geistempfindung. Und wer sein Herz der stummen Naturgebärde öffnet, die jenseits von Gut und Böse in ewiger Unschuld sich offenbart, dem erschließt sich der Blick für die geistige Welt, die in die stumme Gebärde das lebendige Wort tönen läßt, das den Unterschied von Gut und Böse offenbart.
[ 8 ] And the despiser of nature is subject to this danger. He is driven into the loneliness of the soul, for which natural dreaming is a model. The best way to develop a sense of human truth, which is at the same time world truth, is to draw it closer to the truth that shines forth from the nature of the human soul. But those who experience natural truth with an open, free mind are led by it to spiritual truth. Those who allow themselves to be permeated by the beauty, grandeur, and sublimity of nature will find these qualities becoming a source of spiritual feeling. And those who open their hearts to the silent gestures of nature, which reveal themselves in eternal innocence beyond good and evil, will gain insight into the spiritual world, which makes the living word resound in the silent gestures, revealing the difference between good and evil.
[ 9 ] Geistanschauung, die durch die Liebe zur Naturanschauung hindurchgegangen ist, bereichert das Leben um die wahren Schätze der Seele; Geistesträumen, das im Widerspruch mit der Naturanschauung sich entwickelt, verarmt das Menschenherz.
[ 9 ] Spiritual contemplation that has passed through the love of nature contemplation enriches life with the true treasures of the soul; spiritual dreams that develop in contradiction to nature contemplation impoverish the human heart.
[ 10 ] Wer Anthroposophie im tiefsten Wesen durchdringt, wird, was in diesen Sätzen angedeutet ist, als den Gesichtspunkt empfinden, von dem in den anthroposophischen Darstellungen ausgegangen werden muß. Man wird durch solche Ausgangspunkte dasjenige berühren, von dem ein jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft sich sagt: darin liegt, was den wahren Grund meines Eintrittes in die Gesellschaft gebildet hat.
[ 10 ] Those who penetrate anthroposophy in its deepest essence will perceive what is indicated in these sentences as the point of view from which anthroposophical representations must proceed. Such starting points will touch upon what every member of the Anthroposophical Society says to themselves: this is what formed the true reason for my joining the Society.
[ 11 ] Bei den Mitgliedern, die in der Gesellschaft tätig sein wollen, wird es nicht genügen, daß sie von dem hier Angedeuteten theoretisch überzeugt sind. Es wird das rechte Leben in ihre Überzeugung erst kommen, wenn sie ein warmes Interesse für alles entfalten, was in der Gesellschaft vorgeht. Durch das Erfahren dessen, was von den Persönlichkeiten, die in der Gesellschaft sind, erdacht und erlebt wird, werden sie die Wärme empfangen, die sie für ihre Arbeit in der Gesellschaft brauchen. Man muß viel Interesse für die andern Menschen haben, wenn man ihnen auf anthroposophische Art gegenübertreten will. Das Studium dessen, «was in der Gesellschaft vorgeht», muß die Unterlage für das Wirken in der Gesellschaft werden. Gerade diejenigen Mitglieder brauchen dieses Studium, die in der Gesellschaft tätig sein wollen.
[ 11 ] For members who want to be active in the Society, it will not be enough to be theoretically convinced of what is indicated here. Their conviction will only come to life when they develop a warm interest in everything that goes on in the Society. By experiencing what is conceived and experienced by the personalities in the Society, they will receive the warmth they need for their work in the Society. One must have a great deal of interest in other people if one wants to approach them in an anthroposophical way. The study of “what is happening in the society” must become the basis for working in the society. It is precisely those members who want to be active in the society who need this study.
Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden
Further Leading Thoughts issued from the Goetheanum for the Anthroposophical Society
[ 12 ] 6. Wenn man den Blick auf die leblose Natur wendet, so findet man eine Welt, die sich in gesetzmäßigen Zusammenhängen offenbart. Man sucht nach diesen Zusammenhängen und findet sie als den Inhalt der Naturgesetze. Man findet aber auch, daß durch diese Gesetze die leblose Natur sich mit der Erde zu einem Ganzen zusammenschließt. Man kann dann von diesem Erdenzusammenhang, der in allem Leblosen waltet, zu der Anschauung der lebendigen Pflanzenwelt übergehen. Man sieht, wie die außerirdische Welt aus den Weiten des Raumes die Kräfte hereinsendet, welche das Lebendige aus dem Schöße des Lebenslosen hervorholen. Man wird in dem Lebendigen das Wesenhafte gewahr, das sich dem bloß irdischen Zusammenhange entreißt und sich zum Offenbarer dessen macht, was aus den Weiten des Weltenraumes auf die Erde herunterwirkt. In der unscheinbarsten Pflanze wird man die Wesenheit des außerirdischen Lichtes gewahr, wie im Auge den leuchtenden Gegenstand, der vor diesem steht. In diesem Aufstieg der Betrachtung kann man den Unterschied des Irdisch-Physischen schauen, das im Leblosen waltet, und des Außerirdisch-Ätherischen, das im Lebendigen kraftet.
[ 12 ] 6. When we look out on lifeless Nature, we find a world full of inner relationships of law and order. We seek for these relationships and find in them the content of the ‘Laws of Nature.’ We find, moreover, that by virtue of these Laws lifeless Nature forms a connected whole with the entire Earth. We may now pass from this earthly connection which rules in all lifeless things, to contemplate the living world of plants. We see how the Universe beyond the Earth sends in from distances of space the forces which draw the Living forth out of the womb of the Lifeless. In all living things we are made aware of an element of being, which, freeing itself from the mere earthly connection, makes manifest the forces that work down on to the Earth from realms of cosmic space. As in the eye we become aware of the luminous object which confronts it, so in the tiniest plant we are made aware of the nature of the Light from beyond the Earth. Through this ascent in contemplation, we can perceive the difference of the earthly and physical which holds sway in the lifeless world, from the extra-earthly and ethereal which abounds in all living things.
[ 13 ] 7. Man findet den Menschen mit seinem außerseelischen und außergeistigen Wesen in diese Welt des Irdischen und Außerirdischen hineingestellt. Sofern er in das Irdische, das das Leblose umspannt, hineingestellt ist, trägt er seinen physischen Körper an sich; sofern er in sich diejenigen Kräfte entwickelt, welche das Lebendige aus den Weltenweiten in das Irdische hereinzieht, hat er einen ätherischen oder Lebensleib. Diesen Gegensatz zwischen dem Irdischen und Ätherischen hat die Erkenntnisrichtung der neueren Zeit ganz unberücksichtigt gelassen. Sie hat gerade aus diesem Grunde über das Ätherische die unmöglichsten Anschauungen entwickelt. Die Furcht davor, sich in das Phantastische zu verlieren, hat davon abgehalten, von diesem Gegensatz zu sprechen. Ohne ein solches Sprechen kommt man aber zu keiner Einsicht in Mensch und Welt.
[ 13 ] 7. We find man with his transcendent being of soul and spirit placed into this world of the earthly and the extra earthly. Inasmuch as he is placed into the earthly connection which contains all lifeless things, he bears with him his physical body. Inasmuch as he unfolds within him the forces which the living world draws into this earthly sphere from cosmic space, he has an etheric or life-body. The trend of science in modern times has taken no account of this essential contrast of the earthly and the ethereal. For this very reason, science has given birth to the most impossible conceptions of the ether. For fear of losing their way in fanciful and nebulous ideas, scientists have refrained from dwelling on the real contrast. But unless we do so, we can attain no true insight into the Universe and Man.
Fortsetzung in nächster Nummer.
Continued in the next issue.
