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Anthroposophical Guiding Principles
GA 26

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10. Die Darstellung Anthroposophischer Wahrheiten

10. The Presentation of Anthroposophical Truths

[ 1 ] In der Darstellung anthroposophischer Wahrheiten wird um so mehr Leben sein können, je mehr das Dargestellte in der mannigfaltigsten Art von den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet auftritt. Man sollte deshalb sich nicht scheuen, als tätiges Mitglied in der Gesellschaft, denselben Gegenstand in den Zweigversammlungen immer wieder zu behandeln. Aber man wird dabei nötig haben, an ihn von den verschiedensten Seiten heranzutreten. Durch die Art, sich zu den Fragen seiner Mitmenschen so zu verhalten, wie das in meinem letzten Briefe geschildert worden ist, wird man zu einer solchen Betrachtung wie von selbst hingeführt. Man lernt dabei die Lebendigkeit der anthroposophischen Einsichten erst recht kennen. Man fühlt, wie jedes Gedankenbild, in das man diese Einsichten gebracht hat, ein unvollkommenes sein muß. Man empfindet, daß, was man in der Seele trägt, unermeßlich viel reicher ist als dasjenige, was man im Gedanken aussprechen kann. Wird man dies mit immer größerer Deutlichkeit gewahr, dann steigert sich in der Seele die Ehrfurcht vor dem geistigen Leben. Und diese Ehrfurcht muß in aller anthroposophischen Darstellung walten. Sie muß einer der Grundtöne sein, welche diese Darstellung durchziehen. Wo diese Ehrfurcht fehlt, da ist in dem Besprechen anthroposophischer Wahrheiten keine Kraft.

[ 1 ] The presentation of anthroposophical truths can be all the more alive if what is presented is viewed from a wide variety of perspectives in the most diverse ways. As an active member of the Society, one should therefore not shy away from repeatedly addressing the same subject in the branch meetings. But in doing so, it will be necessary to approach it from a wide variety of angles. By relating to the questions of one's fellow human beings in the way described in my last letter, one will be led to such a consideration as if by itself. In doing so, one learns to appreciate the vitality of anthroposophical insights even more. One feels how every mental image into which one has brought these insights must be imperfect. One senses that what one carries in one's soul is immeasurably richer than what one can express in thought. As one becomes more and more aware of this, a sense of reverence for spiritual life grows in the soul. And this reverence must prevail in all anthroposophical presentations. It must be one of the fundamental tones that pervades these presentations. Where this reverence is lacking, there is no power in the discussion of anthroposophical truths.

[ 2 ] Man sollte diese Kraft nicht auf eine äußerliche Art in das Sprechen über Anthroposophie bringen wollen. Man sollte ihre Entwickelung dem lebendigen Gefühl überlassen, in dem man zu den Wahrheiten dadurch steht, daß man das Bewußtsein hat, man nähert sich mit ihrem Ergreifen in der Seele der wirklichen geistigen Welt. — Das gibt der Seele eine gewisse Stimmung. Sie fühlt sich für Augenblicke ganz hingegeben an die Gedanken von der geistigen Welt. In dieser Hingabe stellt sich die Ehrfurcht vor dem Geistigen auf ganz selbstverständliche Art ein.

[ 2 ] One should not try to bring this power into speech about anthroposophy in an external way. One should leave its development to the living feeling in which one stands to the truths by being conscious that, by grasping them in the soul, one is approaching the real spiritual world. This gives the soul a certain mood. For moments, it feels completely devoted to the thoughts of the spiritual world. In this devotion, reverence for the spiritual arises in a completely natural way.

[ 3 ] In der Entwickelung einer solchen Stimmung liegt der Anfang aller wahren Meditation. Wer eine solche Stimmung der Seele nicht lieben kann, der wird vergeblich die Regeln anwenden für die Erlangung von Erkenntnissen einer «geistigen Welt». Denn in dieser Stimmung wird das Geistige, das in den Tiefen der Menschenseele liegt, vor das Bewußtsein gerufen. Der Mensch vereinigt sich dadurch mit seiner eigenen Geisthaftigkeit. Und nur in dieser Vereinigung kann er das Geistige in der Welt finden. Nur der Geist im Menschen kann an den Geist der Welt herantreten.

[ 3 ] The development of such a mood is the beginning of all true meditation. Those who cannot love such a mood of the soul will apply the rules for gaining knowledge of a “spiritual world” in vain. For in this mood, the spiritual, which lies in the depths of the human soul, is brought to consciousness. Through this, the human being unites with his own spirituality. And only in this union can they find the spiritual in the world. Only the spirit in the human being can approach the spirit of the world.

[ 4 ] Nun werden die tätigen Mitglieder der Gesellschaft, bei denen andere Rat suchen, durch das Erwerben dieser Stimmungsmomente ihre Wahrnehmungsfähigkeit für dasjenige steigern, was der andere eigentlich will. Es wird dem Menschen oft schwer, sich über das deutlich auszusprechen, was seine Seele am allertiefsten bewegt. Deshalb wird der Gefragte nur allzuleicht an dem eigentlichen Bedürfnisse des Fragenden vorbeihören. Dann stellt sich bei diesem das berechtigte Gefühl ein, daß er über das Gewollte doch keine Antwort erhalten habe. Steht aber der Gefragte vor dem Fragenden in einer Seelenverfassung, die errungen ist durch innere Stimmungen von der beschriebenen Art, dann wird er dem Fragenden die Zunge lösen können. Dieser wird jenes wahre, intime Vertrauen zu dem Gefragten entwickeln, das der Mitteilung anthroposophischer Wahrheiten rechtes Leben gibt. Es wird sich in diese Mitteilung etwas hineinversetzen, das den, der die Antwort erhalten hat, von dieser aus dann selbständig seinen Weg in dem Verfolgen seiner geistigen Bedürfnisse gehen läßt. Er wird vielleicht das Gefühl haben, wenn auch die Antwort nicht alles enthalten hat, was er suchte, so werde er jetzt imstande sein, sich weiter zu helfen, Ein inneres Kraftgefühl wird sich in der Seele statt eines vorher vorhandenen Ohnmachtsgefühles einstellen. Und dieses Kraftgefühl hat der Fragende in Wahrheit gesucht.

[ 4 ] Now, by acquiring these moments of mood, the active members of society, whom others seek for advice, will increase their ability to perceive what the other person actually wants. It is often difficult for people to express clearly what moves their soul most deeply. Therefore, the person being asked will all too easily fail to hear the actual needs of the questioner. Then the questioner will have the justified feeling that he has not received an answer to what he wanted. But if the person being asked stands before the questioner in a state of mind that has been achieved through inner moods of the kind described, then he will be able to loosen the questioner's tongue. The questioner will develop a true, intimate trust in the person being asked, which gives real life to the communication of anthroposophical truths. Something will be added to this communication that will enable the person who has received the answer to then independently follow his own path in pursuing his spiritual needs. He may feel that even if the answer did not contain everything he was looking for, he will now be able to help himself further. An inner feeling of strength will arise in the soul instead of the previous feeling of powerlessness. And this feeling of strength is what the questioner was really seeking.

[ 5 ] Man sollte nicht glauben, daß man ohne Gedanken, in bloßen Gefühlen die Antworten auf brennende Seelenfragen finden kann. Aber ein Gedanke, der sich in kalter Abgeschlossenheit gegenüber den Gefühlen entwickelt, findet nicht den Weg zu dem menschlichen Herzen. Man soll jedoch auch nicht die Furcht davor haben, daß das Gefühl der Objektivität des Gedankens schaden müsse. Das wird nur der Fall sein, wenn es nicht durch die beschriebene Stimmung den Weg zu der Geisthaftigkeit des Menschen gefunden hat.

[ 5 ] One should not believe that one can find answers to burning questions of the soul without thought, in mere feelings. But a thought that develops in cold isolation from feelings does not find its way to the human heart. However, one should not fear that the feeling of objectivity will necessarily harm the thought. This will only be the case if it has not found its way to the spirituality of the human being through the mood described above.



Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden

Further Leading Thoughts issued from the Goetheanum for the Anthroposophical Society

[ 6 ] 14. Die zweite Gestalt des «Ich», die in der Darstellung des dritten Leitsatzes 1Gemeint ist der dritte der vorangehenden Gruppe, hier der 13. Leitsatz. angedeutet worden ist, tritt als «Bild» dieses Ich auf. Durch das Gewahrwerden dieses Bildcharakters wird auch ein Licht geworfen auf die Gedankenwesenheit, in der das «Ich» vor dem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint. Man sucht durch allerlei Betrachtungen in dem gewöhnlichen Bewußtsein das «wahre Ich». Doch eine ernstliche Einsicht in die Erlebnisse dieses Bewußtseins zeigt, daß man in demselben dieses «wahre Ich» nicht finden kann; sondern daß da nur der gedankenhafte Abglanz, der weniger als ein Bild ist, aufzutreten vermag. Man wird von der Wahrheit dieses Tatbestandes erst recht erfaßt, wenn man fortschreitet zu dem «Ich» als Bild, das in dem Ätherleibe lebt. Und dadurch wird man erst richtig zu dem Suchen des Ich als der wahren Wesenheit des Menschen angeregt.

[ 24 ] 14. The second form of the ‘I’—first of the three forms that were indicated in the last section—appears as a ‘picture’ of the I. When we become aware of this picture-character, a light is also thrown on the quality of thought in which the ‘I’ appears before the ordinary consciousness. With all manner of reflections, men have sought within this consciousness for the ‘true I.’ Yet an earnest insight into the experiences of the ordinary consciousness will suffice to show that the ‘true I’ cannot be found therein. Only a shadow-in-thought is able to appear there—a shadowy reflection, even less than a picture. The truth of this seizes us all the more when we progress to the ‘I’ as a picture, which lives in the etheric body. Only now are we rightly kindled to search for the ‘I’, for the true being of man.

[ 7 ] 15. Die Einsicht in die Gestalt, in der das «Ich» im Astralleibe lebt, führt zu einer rechten Empfindung von dem Verhältnisse des Menschen zu der geistigen Welt. Diese Ich-Gestalt ist für das gewöhnliche Erleben in die dunklen Tiefen des Unbewußten getaucht. In diesen Tiefen tritt der Mensch mit der geistigen Weltwesenheit durch Inspiration in Verbindung. Nur ein ganz schwacher gefühlsmäßiger Abglanz von dieser in den Seelentiefen waltenden Inspiration aus den Weiten der geistigen Welt steht vor dem gewöhnlichen Bewußtsein.

[ 25 ] 15. Insight into the form in which the ‘I’ lives in the astral body leads to a right feeling of the relation of man to the spiritual world. For ordinary consciousness this form of the ‘I’ is buried in the dark depths of the unconscious, where man enters into connection with the spiritual being of the Universe through Inspiration. Ordinary consciousness experiences only a faint echo-in-feeling of this Inspiration from the wide expanse of the spiritual world, which holds sway in depths of the soul.

[ 8 ] 16. Die dritte Gestalt des «Ich» gibt die Einsicht in die selbständige Wesenheit des Menschen innerhalb einer geistigen Welt. Sie regt die Empfindung davon an, daß der Mensch mit seiner irdisch-sinnlichen Natur nur als die Offenbarung dessen vor sich selber steht, was er in Wirklichkeit ist. Damit ist der Ausgangspunkt wahrer Selbsterkenntnis gegeben. Denn jenes Selbst, das den Menschen in seiner Wahrheit gestaltet, wird sich der Erkenntnis erst offenbaren, wenn er vom Gedanken des Ich zu dessen Bilde, von dem Bilde zu den schöpfenden Kräften dieses Bildes, und von da zu den geistigen Trägern dieser Kräfte fortschreitet.

[ 26 ] 16. It is the third form of the ‘I’ which gives us insight into the independent Being of man within a spiritual world. It makes us feel how, with his earthly-sensible nature, man stands before himself as a mere manifestation of what he really is. Here lies the starting-point of true Self-knowledge. For the Self which fashions man in his true nature is revealed to him in Knowledge only when he progresses from the thought of the ‘I’ to its picture, from the picture to the creative forces of the picture, and from the creative forces to the spiritual Beings who sustain them.