Anthroposophical Guiding Principles
GA 26
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Anthroposophical Guiding Principles, tr. SOL
11. Vom Anthroposophischen Lehren
11. On Anthroposophical Teaching
[ 1 ] Die Anregung, sich mit Anthroposophie zu beschäftigen, wird in den meisten Fällen davon herkommen, daß dem Menschen der Blick in die außermenschliche Welt zu einem Quell der Unbefriedigung wird, und er dadurch veranlaßt wird, die Betrachtung auf das eigene Menschenwesen zu lenken. Er ahnt, daß die Rätsel, welche das Leben aufgibt, nicht durch Hinausschauen in das Weltgetriebe, sondern durch Hineinblicken in das menschliche Innensein zur Aufhellung kommen. Das Streben nach Welterkenntnis verwandelt sich ihm in dasjenige nach Selbsterkenntnis.
[ 1 ] The impulse to engage with anthroposophy will in most cases arise from the fact that looking at the world outside of humanity becomes a source of dissatisfaction for people, prompting them to turn their attention to their own human nature. They sense that the mysteries of life cannot be solved by looking out into the world, but by looking inward into their own human nature. The quest for knowledge of the world is transformed into a quest for self-knowledge.
[ 2 ] Die in der Anthroposophischen Gesellschaft tätig sein wollenden Mitglieder werden auf dieses zu achten haben. Dann werden sie auf der einen Seite ihre Aufgabe in der rechten Art empfinden lernen. Sie werden aber auch die Gefahren erkennen lernen, die mit dieser Aufgabe verbunden sind.
[ 2 ] Members who wish to be active in the Anthroposophical Society will have to pay attention to this. Then, on the one hand, they will learn to perceive their task in the right way. But they will also learn to recognize the dangers associated with this task.
[ 3 ] Streben nach Selbsterkenntnis treibt nur allzu oft, wenn sie irregeleitet ist, zu einer besonderen Form des Egoismus. Der Mensch kann sich selbst zu wichtig nehmen und dadurch das Interesse für alles verlieren, was sich außer ihm abspielt. Jedes rechte Streben kann eben, wenn es in Einseitigkeit verfällt, in die Irre gehen.
[ 3 ] When misguided, the pursuit of self-knowledge all too often leads to a particular form of egoism. People can take themselves too seriously and thereby lose interest in everything that happens outside themselves. Any right pursuit can go astray if it becomes one-sided.
[ 4 ] Man kommt überhaupt zu keiner Weltanschauung, wenn man diese nicht durch eine Menschen-Anschauung sucht. Denn die uralte Wahrheit, daß der Mensch ein Mikrokosmos, eine wahre «kleine Welt» ist, wird sich immer auch als die allerneueste erweisen. Der Mensch birgt in seinem eigenen Wesen alle Rätsel und Geheimnisse der «großen Welt», des Makrokosmos.
[ 4 ] One cannot arrive at a worldview at all unless one seeks it through a view of humanity. For the ancient truth that man is a microcosm, a true “small world,” will always prove to be the newest truth. Man contains within his own being all the mysteries and secrets of the “big world,” the macrocosm.
[ 5 ] Erfaßt man dieses in rechter Art, so wird jeder Blick in das Menschen-Innere die Aufmerksamkeit auf die außermenschliche Welt lenken. Und Selbsterkenntnis wird das Tor zur Welterkenntnis werden. Erfaßt man es in irriger Art, so wird man sich mit der Selbstbetrachtung in das eigene Wesen einsperren und die Anteilnahme für die Welt verlieren.
[ 5 ] If one grasps this in the right way, every glance into the inner life of human beings will draw attention to the world outside of humanity. And self-knowledge will become the gateway to knowledge of the world. If one grasps it in the wrong way, one will lock oneself into one's own being through self-contemplation and lose interest in the world.
[ 6 ] Das letztere darf durch die Anthroposophie nicht geschehen. Sonst wird die Klage nicht verstummen, die man von vielen in die Anthroposophische Gesellschaft Neu-Eintretenden hören kann: ach, wie egoistisch denken doch die Anthroposophen.
[ 6 ] Anthroposophy must not allow the latter to happen. Otherwise, the complaint that can be heard from many new members of the Anthroposophical Society will not cease: “Oh, how selfishly the anthroposophists think!”
[ 7 ] Wer sich selbst kennen lernen will, der sollte durch das, was er in dieser Selbsterkenntnis erwirbt, den Blick schärfen können zunächst dafür, wie alles, was an ihm ist, ihm auch in dem andern Menschen entgegentritt. Man empfindet, was der Mitmensch erlebt, wenn man ein ähnliches in sich selbst erlebt hat. Solange dieses Selbst-Erleben fehlt, geht man an dem Erleben des andern vorüber, ohne es in der richtigen Weise zu sehen. Aber es kann das Fühlen auch durch das eigene Erleben so gefesselt werden, daß es für den andern nichts mehr übrig behält.
[ 7 ] Those who want to get to know themselves should be able to use what they gain from this self-knowledge to sharpen their view of how everything that is in them also meets them in other people. One feels what one's fellow human beings experience when one has experienced something similar in oneself. As long as this self-experience is lacking, one passes by the experience of the other without seeing it in the right way. But one's feelings can also be so captivated by one's own experience that there is nothing left for the other.
[ 8 ] Die in der Gesellschaft tätigen Mitglieder werden ihr Wirken nach dieser Richtung zu einem förderlichen machen, wenn sie nur acht geben wollen auf die Gefahren, die da lauern. Sie werden dann verhindern, daß Selbsterkenntnis in Selbstliebe ausartet. Sie werden vielmehr ihrem Wirken den Ton verleihen, der die Selbst-Erkenntnis in die MenschenLiebe hinüberleitet. Und wer Interesse für den andern Menschen entwickelt, der wird es auch an Interesse für die Welt im allgemeinen nicht fehlen lassen.
[ 8 ] Members active in society will make their work beneficial in this direction if they are willing to pay attention to the dangers that lurk there. They will then prevent self-knowledge from degenerating into self-love. Rather, they will give their work a tone that leads self-knowledge over into love for humanity. And those who develop an interest in other people will not lack an interest in the world in general.
[ 9 ] Ich habe Freunden, die von mir zu irgendeiner Gelegenheit einen Gedenkspruch forderten, oft den folgenden gegeben:
[ 9 ] I have often given the following saying to friends who have asked me for a commemorative saying on some occasion:
Willst du das eigene Wesen erkennen,
Sieh dich in der Welt nach allen Seiten um.
Willst du die Welt wahrhaft durchschauen,
Blick in die Tiefen der eignen Seele.
If you want to know your own nature,
look around you in all directions in the world.
If you want to truly understand the world,
look into the depths of your own soul.
[ 10 ] In der Orientierung, welche dieser Spruch gibt, muß der Vortrag anthroposophischer Erkenntnisse sich halten. Dann wird vermieden werden, daß durch das Besprechen des menschlichen Innenwesens das egoistische Sich-Hineinspinnen in das eigene Wesen zu stark angefacht wird.
[ 10 ] The presentation of anthroposophical insights must adhere to the orientation provided by this saying. This will prevent the discussion of the human inner being from overly encouraging selfish immersion in one's own nature.
[ 11 ] Es wirkt in der Tat abstoßend, wenn der Neu-Eintretende an den Anthroposophen nur bemerken kann, wie sich diese nur mit sich selbst beschäftigen wollen. Man wird gewahr, wie Menschen, die eine Zeitlang Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gewesen sind, bei jeder Gelegenheit darüber jammern, daß ihnen das Leben keine Zeit läßt, sich in die Anthroposophie recht zu vertiefen. Besonders häufig findet man das bei solchen Menschen, die ihr Tätigkeitsfeld innerhalb der anthroposophischen Bewegung selbst gefunden haben. Ihnen wird leicht die Arbeit zuviel, weil sie meinen, sie werden durch sie von der Meditation, von dem Lesen anthroposophischer Schriften und so weiter abgehalten. Aber durch die Liebe zur anthroposophischen Erkenntnis darf nicht die freudige Hingabe an die Notwendigkeiten des Lebens gestört werden. Ist das der Fall, so wird die Beschäftigung mit der Anthroposophie auch nicht die rechte Wärme haben können; sie wird zum kalten Egoismus ausarten.
[ 11 ] It is indeed repulsive when newcomers to anthroposophy can only observe how anthroposophists seem to be concerned only with themselves. One notices how people who have been members of the Anthroposophical Society for some time complain at every opportunity that life does not allow them time to delve deeply into anthroposophy. This is particularly common among people who have found their field of activity within the anthroposophical movement itself. They easily become overwhelmed by their work because they believe it prevents them from meditating, reading anthroposophical writings, and so on. But love for anthroposophical knowledge must not interfere with joyful devotion to the necessities of life. If this is the case, then engagement with anthroposophy will not have the right warmth; it will degenerate into cold egoism.
[ 12 ] Sich stark mit dieser Erkenntnis zu durchdringen, wird eine Aufgabe für die in der Gesellschaft tätig sein wollenden Mitglieder sein müssen. Dann werden sie den Ton für ihr Wirken finden können, der Gefahren aus dem Felde schlägt, die sich leicht einstellen können.
[ 12 ] Imbuing themselves strongly with this insight will have to be a task for members who want to be active in society. Then they will be able to find the right tone for their work, which will avert dangers that can easily arise.
Weitere Leitsätze, die für die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum ausgesendet werden
Further Leading Thoughts issued from the Goetheanum for the Anthroposophical Society
[ 13 ] 17. Der Mensch ist ein Wesen, das in der Mitte zwischen zwei Weltgebieten sein Leben entfaltet. Er ist mit seiner Leibes-Entwickelung in eine «untere Welt» eingegliedert; er bildet mit seiner Seelen-Wesenheit eine «mittlere Welt», und er strebt mit seinen Geisteskräften nach einer «oberen Welt» hin. Seine Leibes-Entwickelung hat er von dem, was ihm die Natur gegeben hat; seine Seelen-Wesenheit trägt er als seinen eigenen Anteil in sich; die Geisteskräfte findet er in sich als die Gaben, die ihn über sich selbst hinausführen zur Anteilnahme an einer göttlichen Welt.
[ 13 ] 17. Man is a being who unfolds his life in the midst, between two regions of the world. With his bodily development he is a member of a ‘lower world’; with his soul-nature he himself constitutes a ‘middle world’; and with his faculties of Spirit he is ever striving towards an ‘upper world.’ He owes his bodily development to all that Nature has given him; he bears the being of his soul within him as his own portion; and he discovers in himself the forces of the Spirit, as the gifts that lead him out beyond himself to participate in a Divine World.
[ 14 ] 18. Der Geist ist in diesen drei Weltgebieten schaffend. Die Natur ist nicht geistlos. Man verliert erkennend auch die Natur, wenn man in ihr den Geist nicht gewahr wird. Aber man wird allerdings innerhalb des Naturdaseins den Geist wie schlafend finden. So wie aber der Schlaf im Menschenleben seine Aufgabe hat und das «Ich» eine gewisse Zeit schlafen muß, um zu einer ändern recht wach zu sein, so muß der Weltengeist an der «Natur-Stelle» schlafen, um an einer ändern recht wach zu sein.
[ 14 ] 18. The Spirit is creative in these three regions of the World. Nature is not void of Spirit. We lose even Nature from our knowledge if we do not become aware of the Spirit within her. Nevertheless, in Nature's existence we find the Spirit as it were asleep. Yet just as sleep has its task in human life—as the ‘I’ must be asleep at one time in order to be the more awake at another—so must the World-Spirit be asleep where Nature is, in order to be the more awake elsewhere.
[ 15 ] 19. Der Welt gegenüber ist die Menschenseele ein träumendes Wesen, wenn sie nicht auf den Geist achtet, der in ihr wirkt. Dieser weckt die im eigenen Innern webenden Seelenträume zur Anteilnahme an der Welt, aus welcher des Menschen wahres Wesen stammt. Wie sich der Träumende vor der physischen Umwelt verschließt und in das eigene Wesen einspinnt, so müßte die Seele ihren Zusammenhang mit dem Geiste der Welt verlieren, aus dem sie stammt, wenn sie die Weckrufe des Geistes in sich selbst nicht hören wollte.
[ 15 ] 19. In relation to the World, the soul of man is like a dreamer if it does not pay heed to the Spirit at work within it. The Spirit awakens the dreams of the soul from their ceaseless weaving in the inner life, to active participation in the World where man's true Being has its origin. As the dreamer shuts himself off from the surrounding physical world and entwines himself into himself, so would the soul lose connection with the Spirit of the World in whom it has its source, if it turned a deaf ear to the awakening calls of the Spirit within it.
